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Update: 28.08.2016, 16:04 Uhr

Literatur

Wenn der Zaunkönig singt




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Von Peter Mohr

  • Hans-Ulrich Treichels kurze, aber großartige Erzählung "Tagesanbruch".



"Wenn der Zaunkönig singt, dauert es nicht mehr lange bis zum Sonnenaufgang." Diese kurze Phase will die Protagonistin in Hans-Ulrich Treichels neuer Erzählung "Tagesanbruch" nutzen, um sich von ihrem gerade verstorbenen Sohn zu verabschieden und gleichzeitig eine Lebensbeichte abzulegen. Treichel, seit den 1990er Jahren als Dozent am Leipziger Literaturinstitut tätig, greift ein bekanntes und von ihm mannigfaltig variiertes Sujet auf: die tragische Familiengeschichte. Seine Eltern haben nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Flucht aus Osteuropa ihren älteren Sohn verloren, Gewalt erlitten und sich zeitlebens von diesem Trauma nicht erholt.

Information

Hans-Ulrich Treichel

Tagesanbruch

Erzählung. Suhrkamp, Berlin 2016, 88 Seiten, 17,95 Euro.

"Man muss nicht alles mit seinen Kindern bereden. Man muss auch schweigen können", heißt es in der knapp 100 Seiten umfassenden Erzählung, in der kein Wort zu viel oder am falschen Platz steht. Die Mutter erzählt ihrem erwachsenen Sohn, den sie nach seiner schweren Krebserkrankung zu sich genommen und bis zu seinem Tod aufopferungsvoll gepflegt hat, ihr eigenes beschwerliches Leben. Die Kraft dazu hat sie - offensichtlich - erst nach dessen Tod gefunden.

Bei Treichels Ich-Erzählerin, die deutliche biografische Züge seiner Mutter trägt, fällt eine Last ab: Sie führt Selbstgespräche über ihr Leben, und über allem thront der Zweifel, ob ihr verstorbener Mann der leibliche Vater des eben verlorenen Sohnes ist. Welch eine schreckliche Konstellation! In der allein gelassenen Frau nagen tiefe Zweifel mit geradezu zerstörerischer Wirkung.

Wir haben es hier zwar mit einem selbsttherapeutischen Monolog der Mutter zu tun, ein Abarbeiten an der Vergangenheit und der eigenen Verschwiegenheit, doch dadurch, dass der Sohn direkt angesprochen wird, erhält der Text eine intime, ja beklemmende Intensität. Das Leben der Mutter war von Verzicht dominiert. Sie wollte Lehrerin werden, stand aber fast rund um die Uhr im Textilgeschäft und führte ein mehr als bescheidenes Dasein in der öden ostwestfälischen Kleinstadt Versmold.

"Tagesanbruch", das erschütternde Buch über eine Generation ohne Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, ist mehr als nur die Fortsetzung von Treichels Meisterwerk "Der Verlorene" (1998). Es ist der einfühlsame Versuch, die Mutter verstehen zu wollen, um ihr manche Lieblosigkeit verzeihen zu können. Nur auf der Waage hat dieses Bändchen das Nachsehen gegenüber großen Romanen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-25 17:50:09
Letzte nderung am 2016-08-28 16:04:30



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