• vom 01.10.2016, 10:30 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Die Faust mitten ins Herz




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Wirthensohn

  • Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises (1):Bodo Kirchhoffs großartige Novelle über die Liebe und das Alter.

Sprachlich brillanter Autor: Bodo Kirchhoff. - © Arno Burgi/dpa Picture Alliance/picturedesk.com

Sprachlich brillanter Autor: Bodo Kirchhoff. © Arno Burgi/dpa Picture Alliance/picturedesk.com

Diese Novelle von Bodo Kirchhoff zu lesen verschafft vielschichtige Lektüreempfindungen. Zunächst befürchtet man angesichts der Grundkonstellation - älterer Herr und ältere Dame machen sich spontan auf eine Fahrt nach Sizi-lien und entdecken noch einmal die Liebe neu - eine reichlich sentimentale Best-Ager-Road-Novel. Als in das Zweisamkeitsidyll plötzlich auch noch die aktuelle Flüchtlingskrise einbricht, drohen menschelnder Kitsch, gewichtige Moralfragen und ein harmoniesüchtiges Happy End. Doch das Wunder dieser Novelle besteht nicht zuletzt darin, dass sich all diese Befürchtungen in Luft auflösen.

Der Reither und die Palm, sie sind beide im Ruhestand und haben sich in eine eher luxuriöse Appartement-Residenz irgendwo hinterm Tegernsee zurückgezogen, unweit der Grenze zu Tirol. Reither hatte einen kleinen Literaturverlag, den er aufgegeben hat, als er den Eindruck bekam, "dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab".

Behutsame Nähe

Und Leonie Palm war Inhaberin eines Hutgeschäfts, bis es immer weniger Gesichter für ihre Hüte gab. Eines Abends nun steht die Palm vor Reithers Tür, und aus einer netten Plauderei über Lesekreise und Bücher wird plötzlich der Entschluss, mitten in der Nacht eine Spritztour zu unternehmen. Ziel ist der nahegelegene Achensee, doch dann wird daraus eine Reise durch ganz Italien bis hinunter an die Stiefelspitze und hinüber nach Sizilien.



Unterwegs wird nicht besichtigt, sondern gefahren und geredet, und wie sich die beiden Ü60-Herzen ganz langsam, fast behutsam näher kommen, von zarten Berührungen über den ersten Kuss bis zur ersten (und letzten) gemeinsamen Liebesnacht, das schildert Bodo Kirchhoff auf unglaublich eindringliche und zugleich dezente Weise. "Verlangen und Melancholie" und "Die Liebe in groben Zügen" hießen seine beiden letzten Bücher, und genau darum geht es auch in "Widerfahrnis" - konzentrierter, sparsamer mit Worten, parabelhafter als in den ausladenden Romanen.

Information

Bodo Kirchhoff

Widerfahrnis

Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2016, 224 Seiten, 21,60 Euro.

Der Titel spielt denn auch auf die "unerhörte Begebenheit" an, die gemeinhin als Gattungsmerkmal der Novelle gilt. Widerfahrnis, das ist "die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt". Es ist freilich nicht nur die Liebe, die Reither unvermittelt widerfährt, sondern auch die persönliche Konfrontation mit der gegenwärtigen Flüchtlingskrise (die man lieber als Tragödie bezeichnen sollte). Sie ereignet sich zum einen auf Sizi-lien, als ihnen ein Mädchen in abgerissenen Kleidern begegnet, das sie - vor allem auf Leonies Drängen - zum Essen einladen, bei sich im Hotel schlafen lassen und hierauf mit zurück aufs Festland nehmen wollen: "Komm, komm mit uns, wir nehmen dich auf, werd unser Kind, unsere Tochter".

Was wie ein etwas verspätetes Familienglück wirkt, erweist sich als Projektion, als im Grund egoistische Vereinnahmung des Mädchens durch die beiden Erwachsenen, die Versäumtes nachholen wollen: Leonie Palm, weil ihre Tochter einst Selbstmord begangen hat, Reither, weil er mit seiner früheren Frau das gemeinsame Kind nicht wollte und sie sich zur Abtreibung entschlossen.

Das Glück zu dritt ist von kurzer Dauer: Auf der Fähre macht sich das Mädchen davon (und verletzt Reither dabei an der Hand), Leonie macht sich auf die Suche nach der Kleinen, und Reither fährt den Wagen allein durch die Kontrollen am Hafen. Dort begegnet er einem Flüchtling aus Nigeria, der ihm die klaffende Wunde an der Hand verbindet (und den er, als eine Art Schleuser, mit dessen Frau und Kind nach Deutschland mitnimmt).

Zufällig entdeckt er auch noch Leonie Palm, die nach dem Zwischenfall auf der Fähre beschlossen hat, ihrer Wege zu gehen und für die Zeit, die ihr noch bleibt, nicht auf Reither und dessen Liebe zu setzen.

Geschenkte Zeit

"Die Zeit, seine Zeit, zog sich zusammen, die noch möglichen Jahre erschienen ihm wie ein einziger Tag, mit einem Schmerz in der Brust, ganz anders als dem in der Hand, dem kindlich stillen Schmerz, wenn sich die Sommerferien dem Ende zugeneigt hatten und das brennende Glück, dass eben jetzt Ferien sind, es jetzt gilt, mit dem Geschenk zu leben, sich frei zu fühlen, weil man es darf, von einem Tag zum anderen Tag erloschen war."

Bodo Kirchhoff, Jahrgang 1948, hat eine bemerkenswerte Liebesgeschichte geschrieben, sprachlich brillant, luzide und ohne alle Klischees; auch ein sehr melancholisches Buch über das Älterwerden und den "Herbst des Lebens". Diese Novelle widerfährt dem Leser, sie trifft ihn mitten ins Herz - ein wuchtiges, ein zärtliches, ein großartiges Buch.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-29 18:08:12
Letzte nderung am 2016-09-29 18:36:18



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein ewiger Anfänger
  2. Eskalation im Pazifik
  3. liebe
Meistkommentiert
  1. zukunft kann kommen
  2. Ein ewiger Anfänger
  3. liebe

Werbung




Werbung


Werbung