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Update: 20.10.2016, 11:18 Uhr

Sachbuch

Der gescheiterte Friedenskaiser




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Von Friedrich Weissensteiner

  • Eine umfassende Dokumentation zeigt Kaiser Karl zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Nach dem Tod Kaiser Franz Josephs I. am 21.November 1916 folgte ihm sein Großneffe, Erzherzog Karl, auf dem Thron nach. Für die Nachfolge im multinationalen habsburgischen Großreich hätte es keinen ungünstigeren Zeitpunkt und keine widrigeren Umstände geben können. Der blutige Erste Weltkrieg war in vollem Gang, im Gebälk des Vielvölkerstaates knisterte es. Die Unzufriedenheit war groß. Es fehlte an Lebensmitteln und Brennstoffen, an Allem und Jedem. Die Menschen sehnten sich nach Frieden, forderten nationale Selbständig- und Eigenstaatlichkeit.

Für beide Forderungen hatte der junge Monarch ein offenes Ohr, wenn er auch am Fortbestand der K. u. k. Monarchie eisern festhielt. Karl war ein friedfertiger, äußerst frommer Mensch. Er war gut ausgebildet, es fehlte ihm jedoch an staatsmännischer Erfahrung. Seine größte Schwäche war jedoch sein mangelndes Machtbewusstsein. Nach einigen Änderungen im Staatsapparat unternahm der politisch unerfahrene Herrscher seine ersten konkreten Schritte zur Beendigung des Krieges.

Information

Eva Demmerle: Kaiser Karl. Mythos und Wirklichkeit.
Amalthea Verlag 2016
 228 Seiten, 25 Euro

Ergebnislose Verhandlungen

Die Kontaktnahme mit der französischen Führung lief nicht über offizielle Kanäle, sondern über die Brüder der Kaiserin, Sixtus und Xavier von Bourbon-Parma. Sie verliefen ergebnislos und führten zu einer schweren Verstimmung mit dem deutschen Bündnispartner, da Karls Außenminister in einer Rede die Kontakte der Öffentlichkeit preisgab.

Im übrigen scheiterten alle Versuche den Krieg zu beenden, am Widerstand des deutschen Militäroberkommandos, der bis zuletzt an einen "Siegfrieden" glaubte. Das war allerdings völlig realitätsfern. Im Herbst 1918 mussten die "Mittelmächte" die Waffen strecken. Der deutsche Kaiser dankte ab, der habsburgische Vielvölkerstaat zerfiel in seine Bestandsteile. Kaiser Karl "verzichtete auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften" und verbrachte den Rest seines Lebens (bis 1. April 1922) im Exil. Für einen Umbau der Monarchie war es längst zu spät. Am 3. Oktober 2004 wurde er selig gesprochen.

Kaiser Karl und seine Gemahlin Zita wurden und werden noch heute von verschiedenen Seiten mit falschen Behauptungen und Verleumdungen überschüttet. Die bestens informierte Autorin versucht sine ira et studio, anhand von Zitaten und einer umfassenden Dokumentation das einseitige Bild, das ihnen anhaftet, zu korrigieren.





Schlagwörter

Sachbuch, Kaiser Karl

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-10-18 16:17:02
Letzte nderung am 2016-10-20 11:18:03



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