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Update: 22.10.2016, 16:09 Uhr

Literatur

Die Gegenwart der Gespenster




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Von Gerald Schmickl

  • Kehlmann hat eine raffinierte kleine Erzählung geschrieben - gespickt mit Verweisen auf phantastische Literatur und Filme.

Lässt den Boden schwanken: Daniel Kehlmann. - © Popow/ullsteinbild via Getty Images

Lässt den Boden schwanken: Daniel Kehlmann. © Popow/ullsteinbild via Getty Images

Der pfiffige Literaturkritiker und -feinspitz Michael Maar hat einmal geschrieben, dass Daniel Kehlmann das Ressentiment anziehe "wie ein Honigtopf die Bienen.": "Seit einiger Zeit kann Kehlmann machen, was er will, es ist immer verkehrt: (. . .) Wenn er lobt, biedert er sich an, wenn er tadelt, ist er ein Besserwisser. Wenn er morgen unwahrscheinlicherweise übers Wasser wandelte, kämen die Rufe vom Ufer: ,Da sieht man’s wieder, nicht mal schwimmen kann er!‘"

Der Vorwurf zu seinem neuesten, erst kurzfristig angekündigten Buch, "Du hättest gehen sollen", könnte demnach lauten: Jetzt schreibt er nicht einmal mehr richtige Romane! Denn die vorliegende Erzählung - mit einer schön verschachtelten Originalgrafik des deutschen Künstlers Thomas Demand am Cover versehen - hat lediglich 96 Seiten.

Ominöses Ferienhaus

Aber auf Länge (oder eben Kürze) ist es bei diesem ebenso pfiffigen Schriftsteller (und Literaturkenner) noch nie angekommen. Außerdem ist man nach einigen mit Überlänge versehenen Werken deutschsprachiger Autoren zuletzt froh, wieder einmal etwas in jeder Hinsicht Kurzweiliges lesen zu dürfen. Und das ist diese phantastische Erzählung jedenfalls: kurzweilig, aber auch spannend.



Sie erzählt - in Ich-Perspektive - die Geschichte eines Drehbuchautors, der sich mit Frau und Tochter in ein entlegenes, irgendwo im Gebirge befindliches Ferienhaus zurückzieht. Dort schreibt er an der Fortsetzung einer erfolgreichen Komödie. Als Leser blicken wir in sein Notizbuch, wo erste - auch dialogische - Szenen der Filmhandlung entworfen werden. Dazwischen schieben sich aber immer öfter Eindrücke aus der unmittelbaren Gegenwart in dem weitläufigen Haus, das (ihm) immer seltsamer erscheint. Bilder an den Wänden sind einmal da, dann wieder weg; Spiegelungen auf Fensterscheiben kommen und gehen; schließlich tauchen neue Zimmer auf . . .

Information

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen
Erzählung. Rowohlt, Reinbek 2016, 96 Seiten, 15,50 Euro.

In dem im Tal gelegenen "Dorf" mit nur einer Straße und einem Geschäft erfährt der Erzähler, dass mit dem Haus schon früher etwas nicht gestimmt habe, einmal dort jemand sogar verschwunden sei . . .

Die Beziehung zu Susanne, seiner Frau, die von all dem scheinbar nichts mitbekommt, wird gereizter, gespannter - vor allem, als er die Spuren eines Nebenbuhlers auf ihrem Handy entdeckt. Bis auch Susanne plötzlich verschwindet - und er mit Esther, der vierjährigen Tochter, die noch weniger mitbekommt, was eigentlich läuft, in dem ominösen Haus zurückbleibt. Aber was eigentlich los ist - das weiß auch er nicht. Und zwar immer weniger. Aber er darf es nicht zeigen - zumindest nicht dem Kind gegenüber. Aus dieser Konstellation - zunehmend verwirrter Vater versucht ängstliches Kind zu beruhigen - entspringen die spannendsten, zugleich horribelsten Momente dieses Buches. Kehlmann, seit einigen Jahren selbst Vater, gelingen diese Szenen besonders lebensnah.

Aber auch in allen anderen Facetten und Details - und Details, darauf hat Maar ebenfalls schon einmal zurecht hingewiesen, sind bei Kehlmann "nicht nur nicht egal, Details sind alles" - ist diese Erzählung durchsetzt mit des Autors Lieblingsthemen: Magie, Mehrdimensionalität, Wahrnehmungsbrüchen, Irritationen. Und natürlich mit Verweisen auf Literatur und Filme: von Leo Perutz bis Stephen King ("Shining"!) reichen die Anspielungen, und die Atmosphäre ist sowieso durchgängig von David-Lynch-hafter Intensität und entsprechendem Somnambulismus bestimmt.

Angst vor dem Raum

Man braucht diese Referenzen aber nicht unbedingt zu kennen, um an der Lektüre dieses kleinen Büchleins trotzdem Vergnügen zu finden. Die Geschichte trägt und genügt sich selbst - und "natürlich" schwanken mit Fortdauer ihre Böden buchstäblich immer mehr und heftiger, bevor Umrisse einer wahrhaft phantastischen "Lösung" sichtbar werden, die hier selbstverständlich nicht verraten werden darf.

Daniel Kehlmann hat in seinen Frankfurter Vorlesungen, die in dem Band "Kommt, Geister" (Rowohlt 2015) versammelt sind, selbst Hinweise darauf gegeben, wie Gespensterhaftes gedeutet werden kann: "Gespenster entstehen aus unserer Angst vor der Vergangenheit der Räume, in denen wir leben - nicht so sehr der Angst vor einer konkreten Vergangenheit, sondern der Angst vor dem Umstand, dass sie überhaupt Vergangenheit haben. In unseren Gebäuden sind Dinge passiert, von denen wir nichts wissen. In unseren Zimmern haben Menschen gelebt und gelitten; wo jetzt unsere Kinder spielen, sind Menschen gestorben, und wo wir sterben, werden Kinder spielen und von uns nichts wissen."

"Du hättest gehen sollen" ist die raffinierte erzählerische Einlösung dieser Erkenntnis.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-20 19:11:07
Letzte Änderung am 2016-10-22 16:09:58



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