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Update: 08.11.2016, 17:28 Uhr

Sachbuch

Sechs Fuß schwarze Perlen




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Von Oliver vom Hove

  • Eine österreichische Familiengeschichte: Phyllis McDuffs "Villa Mendl".

Glückliche Tage vor der NS-Vertreibung: Bettina Mendl (vorne) im Kreise ihrer Geschwister.

Glückliche Tage vor der NS-Vertreibung: Bettina Mendl (vorne) im Kreise ihrer Geschwister.© amalthea/Phyllis McDuff Glückliche Tage vor der NS-Vertreibung: Bettina Mendl (vorne) im Kreise ihrer Geschwister.© amalthea/Phyllis McDuff

Von Austria nach Australia und zurück - diese häufig frequentierte Kontinentalquerung beschreibt die Lebensfahrt der Bettina McDuff, geborene Mendl, die 1931 als 22-Jährige nach dem Tod ihres Vaters Fritz Mendl die Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten zu übernehmen und bis 1938 allein zu führen hatte. Nach dem Anschluss musste sie bei Nacht und Nebel das von den Nazis besetzte Österreich verlassen. Über die Schweiz und Neuseeland gelangte sie nach Australien, wo sie sich zunächst als illegale Einwanderin bei den Aborigines versteckte. Später ehelichte sie den viel älteren Farmer Joe McDuff, mit dem sie zwei Töchter hatte. Die ältere der beiden, Phyllis, forscht in ihrem Erinnerungsbuch "Villa Mendl" der mütterlichen Familiengeschichte nach, die sich als ein Stoff von zeitgeschichtlichem Schwergewicht erweist.

Packend beschreibt die 1942 geborene Autorin die abenteuerliche Lebensreise der Bettina Mendl: von der Robinson-Crusoe-Existenz in der australischen Steppe bis zur Restitution eines riesigen Vermögens nach dem Krieg in Österreich. Unermüdlich sucht Phyllis McDuff das rätselhafte Charakterbild der so mutigen wie taktisch verschlossenen Frau freizulegen, die bis zum Tod den Kindern ihre jüdische Herkunft ebenso verschwieg wie ihre ausgedehnte Tätigkeit im Widerstand gegen die Nazis. Anschaulich wechseln die Schauplätze, von der Schaf- und Hühnerfarm in Australien bis zur luxuriösen Villa auf der Hohen Warte in Wien, von den Opernballvorbereitungen der 16-jährigen Debütantin Phyllis bis zur Naturseligkeit im Garten von Schloss Itter in Tirol, das ebenfalls in Mutters Besitz gelangt war.

Information

Sachbuch
Villa Mendl. Leben und Schicksal der Ankerbrot-Erbin Bettina Mendl
Phyllis McDuff, Amalthea Verlag, 290 Seiten, 24,95 Euro

Der plötzlich zurückgekehrte Reichtum wurde gezielt in den Ausbau der australischen Lebensverhältnisse, aber auch in manch luxuriöse Eskapade investiert. So amüsiert sich die Tochter im Nachhinein königlich über die kapriziöse Suche nach einem kostbaren Seidenstoff für das Opernball-Entree, die Flugreisen nach Paris und London (zu Harrods) erforderte. Überwältigend auch das Geschenk einer sechs Fuß (180 Zentimeter) langen Kette kostbarster schwarzer Perlen, die ihre Mutter nach dem flüchtig geäußerten Wunsch der Tochter quer über den Erdball zusammengesucht hatte.

Die aufgezwungenen Parforceritte im Leben der Ankerbrot-Erbin zwischen Großbürgermilieu und kräftezehrender Wildnis blieben bei der passionierten Dressurreiterin Bettina Mendl nicht ohne Folgen. Ihre Verschlossenheit gegenüber den Nächsten breitet sich auch auf das Buch der Tochter aus: Vieles bleibt darin ungeklärt. Dazu kommt, dass Phyllis McDuff diese Erinnerungen an eine unstete Jugend im Gefolge ihrer sprunghaften Mutter für die australische Leserschaft geschrieben hat. Dementsprechend bleiben manche geschichtlichen Tatsachen im Zusammenhang mit der 1938 zugunsten des berüchtigten SS-Reichsführers Otto Wächter arisierten Villa Mendl wenig oder gar nicht erhellt: die genaueren Umstände der Restitution des Mendl’schen Familienbesitzes im Nachkriegs-Österreich etwa. Oder die undurchsichtige Rolle von Bettinas Bruder Otto, der offenkundig für den britischen Geheimdienst gearbeitet und als Flieger im Zweiten Weltkrieg für vermisst erklärt wurde.

Vieles bleibt im Dunkel

Auch die in diesem Zusammenhang vielbeschriebene Herkunft von einigen Picasso-Zeichnungen bleibt trotz ihrer hervorgehobenen Bedeutung für die rätselhaften Vorgänge im verfolgten Mendl-Clan weitgehend im Dunkeln. Zeitgeschichtlich birgt die Familiengeschichte der Mendls viele aufschlussreiche Details für die verschleuderte Kulturgeschichte Österreichs. Im Aufsichtsrat von Ankerbrot saß in den 1930er Jahren auch der Anwalt Markus Preminger, Vater des berühmten Regisseurs Otto Preminger. Wichtiger indes wurde für die junge Firmenchefin Bettina Mendl ihr geschäftsführender Beistand Otto Schönthal. Er war damals kurzfristig mit der jungen Wiener Schauspielerin Hedwig Kiesler liiert. Aus dem Werbebudget von Ankerbrot finanzierte Bettina 1933 den berühmt gewordenen Film "Ekstase", in dem Hedwig Kiesler als erste Nackte über die Leinwand huschte und mimisch einen Orgasmus darstellte. Als Hedy Lamarr begann für sie bald darauf eine sagenhafte Hollywood-Karriere.

Die Ankerbrot-Werke blieben noch bis 1970 im Besitz der Haupterbin. 1999 starb Bettina Mendl 90-jährig in Australien. Ihr Name und Andenken scheint bei den heutigen Eigentümern der Brotfabrik tief im Mehl versunken.





Schlagwörter

Sachbuch, Villa Mendl

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-08 16:44:05
Letzte nderung am 2016-11-08 17:28:39



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