• vom 26.11.2016, 10:00 Uhr

Bücher aktuell


Wissenschaftsgeschichte

Vorreiter der Epigenetik




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter Jungwirth

  • Das jüngste Buch des Wissenschaftsjournalisten Klaus Taschwer zeigt den rätselhaften Fall des umstrittenen Biologen Paul Kammerer in einem neuen Licht.



War in den 1920er Jahren eine Art Popstar der Biologie: Paul Kammerer, hier im Jahr 1924.

War in den 1920er Jahren eine Art Popstar der Biologie: Paul Kammerer, hier im Jahr 1924.© Bettmann War in den 1920er Jahren eine Art Popstar der Biologie: Paul Kammerer, hier im Jahr 1924.© Bettmann

Die auffallend gut gekleidete Leiche, die am 23. September 1926 beim Theresienfelsen, oberhalb von Puchberg am Schneeberg, gefunden wurde, gab zunächst Rätsel auf. Denn die Pistole, mit der sich der Mann offenbar in den Kopf geschossen hatte, lag noch in seiner rechten Hand - aber das Einschussloch war auf der linken Seite des Kopfes. Dann fand man im Anzug des Toten einen Brief, gerichtet an "denjenigen, der meine Leiche findet":

"Dr. Paul Kammerer ersucht, ihn nicht nach Hause zu überbringen, weil seiner Familie der Anblick erspart bleiben soll. Am einfachsten und wohlfeilsten wäre eine Verwertung im Seziersaal eines der akademischen Universitätsinstitute. Mir auch am sympathischsten, weil ich der Wissenschaft wenigstens auf solche Weise einen kleinen Dienst erweise. Vielleicht finden die werten Kollegen in meinem Gehirn eine Spur dessen, was sie an den lebendigen Äußerungen meiner geistigen Tätigkeit vermissten. . . "

Koestlers Rehabilitation

45 Jahre nach dieser Tragödie zitierte der Schriftsteller und Wissenschaftskritiker Arthur Koestler diesen Abschiedsbrief am Beginn seiner Biographie "Der Krötenküsser - Der Fall des Biologen Paul Kammerer". Und setzte hinzu: "Damit endete der größte wissenschaftliche Skandal der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts."

Koestler wollte Kammerer, der unter dem Verdacht, er sei ein Fälscher, aus dem Leben schied, rehabilitieren. Und das gelang ihm mit seinem berühmt gewordenen Buch auch. Allerdings nur zum Teil, denn Koestler konnte 1971 wesentliche Fragen nicht beantworten: Wer, wenn nicht Kammerer selbst, war dann der Fälscher? Und aus welchem Motiv hatte er - oder sie - gehandelt?

90 Jahre nach Paul Kammerers Tod hat nun der Wiener Wissenschaftsjournalist Klaus Taschwer erneut ein Buch über den Fall Paul Kammerer vorgelegt. Er ist jenen Spuren gefolgt, die Koestler damals, vor 45 Jahren, links liegen ließ - und ist dabei fündig geworden. Aber wer war Paul Kammerer (1880-1926)?



Er war ein einst berühmter Wiener Biologe, der sich im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts mit einer entscheidenden Frage der Evolutionstheorie beschäftigte: Wird die Veränderung der Arten alleine durch Zufallsmutation und Auslese bewirkt, wie Charles Darwin 1859 schrieb? Oder spielt bei der Evolution auch die Vererbung erworbener Eigenschaften eine Rolle, die Jean-Baptiste de Lamarck 1809 als Grund genannt hatte?

Information

Klaus Taschwer

Der Fall Paul Kammerer

Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit. Hanser, München 2016, 351 Seiten, 24,70 Euro.

Kammerer, der bereits als Gymnasiast eine beeindruckende Menagerie von Tieren besaß, war kein Antidarwinist, aber er war stets auch ein Anhänger der Ideen von Lamarck. Er experimentierte vor allem mit Amphibien - unter anderem mit Geburtshelferkröten, Grottenolmen und Salamandern -, die er in Umgebungen versetzte, die den Tieren fremd waren. Nach Züchtungen, die er teilweise bereits als 12-Jähriger begonnen und über Jahrzehnte, bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, in der damals weltweit renommierten Wiener Biologischen Versuchsanstalt - dem "Vivarium" im Wiener Prater - fortgesetzt hatte, fand er farbliche und funktionale Veränderungen an seinen Versuchstieren, die alleine mit der Theorie Darwins nicht erklärbar waren.

Kammerer erregte in der Fachwelt Aufsehen und fand überzeugte Anhänger - auch außerhalb der Biologie: Zu jenen, die ihm Aufmerksamkeit schenkten, die ihn lasen und zitierten, gehörten Albert Einstein, Sigmund Freud, C. G. Jung und Thomas Mann. Allerdings gab es sehr früh auch Zweifler: William Bateson, der damals als die zoologische Kapazität in Europa galt, war einer von ihnen. Vor allem die Brunftschwielen an Kammerers Geburtshelferkröten waren ihm suspekt.

Kammerer hatte Geburtshelferkröten, die sich normalerweise an Land paaren, durch überhöhte Temperaturen im Terrarium dazu gebracht, den Geschlechtsakt im Wasser durchzuführen. Nach einiger Zeit entwickelten - laut Befund von Paul Kammerer - die männlichen Kröten Schwielen an den Vorderbeinen, die beim Begattungsakt das Umklammern des Weibchens erleichtern, indem sie ein Abrutschen verhindern. Die Vererbung der erworbenen "Brunftschwielen" wäre ein Indiz für die Richtigkeit der Thesen Lamarcks gewesen.

Karriere zu Ende

Der Erste Weltkrieg war für Kammerer zunächst aber folgenschwerer als die Skepsis Batesons: Während Kammerer die Briefe von Kriegsgefangenen zensierte, verendeten im "Vivarium", das zum Lazarett umfunktioniert worden war, seine Versuchstiere. Seine Karriere als experimentierender Biologe war zu Ende.

Im von Hyperinflation gebeutelten Nachkriegsösterreich begannen auch für Kammerer bittere Jahre. Sein Gehalt am "Viva-
rium" reichte kaum zum Überleben, und seine Bewerbung um eine Professur an der Universität Wien scheiterte - ebenso wie seine zwei Ehen. Allerdings gelang es dem eifrig Publizierenden, mit populärwissenschaftlichen Büchern, Zeitungsartikeln und bestens besuchten Vorträgen ein großes Aufmerksamkeitskapital aus seinen biologischen Experimenten der Vorkriegszeit zu schlagen, wobei er - als Freimaurer, Pazifist und Sozialist - sein Themenfeld auch auf die Bio-Soziologie und die Erforschung von Zufällen ausweitete.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-24 16:41:10
Letzte nderung am 2016-11-24 17:13:45



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kunstvolles Scheitern
  2. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  3. endlich
Meistkommentiert
  1. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  2. Die unterschätzten Beamten
  3. "Die Toleranz ist fast eine Karikatur"

Werbung