• vom 17.12.2016, 07:00 Uhr

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Weihnachtsgeschenke

Nietzsche statt Netflix!




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  • Was schenkt der Kulturbeflissene in Zeiten der Digitalisierung? Selbstredend Bücher. Welche? Die Feuilleton-Redaktion hilft.



Diese Menschen hätten sich vielleicht auch besser Bücher gewünscht. Sie bekamen aber ein Ständchen von Heino zu Weihnachten geschenkt.

Diese Menschen hätten sich vielleicht auch besser Bücher gewünscht. Sie bekamen aber ein Ständchen von Heino zu Weihnachten geschenkt.© getty/Peter Bischoff Diese Menschen hätten sich vielleicht auch besser Bücher gewünscht. Sie bekamen aber ein Ständchen von Heino zu Weihnachten geschenkt.© getty/Peter Bischoff

(cb) Und da ist sie schon wieder, die vierte Kerze. Der Kontrollneurotiker unter den Weihnachtsschenkern kann sich zu diesem Zeitpunkt zurücklehnen und sagen: Längst alles beisammen, aber hab ich wirklich das Rohr nach dem Keksebacken ausgeschaltet? Der notorisch legere Weihnachtsschenker kann sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zurücklehnen, ist ja noch ewig Zeit bis zum 24. spätnachmittags. Für alle Schenk-Archetypen dazwischen beginnt aber nun die schlimmste Phase des Jahres: Keine Zeit, keine Idee, und dann noch diese massenhaften Menschen, die alle so langsam vor einem einhertrotten. Das sind freilich Szenarien, die sich seit Jahrzehnten immer gleich wiederholen. Was sich tatsächlich ändert, ist, was man einander schenkt. Schuld ist wieder einmal die Digitalisierung. Hat man sich früher zum Beispiel in der Zielgruppe "Der Jugendliche, das Mysterium" mit einer Bravo-Hits 487 durchgeschummelt, ist das heute keine Option mehr: Ein Teenager, der noch weiß, was eine CD ist, ist ja praktisch ein studierter Prähistoriker. Die Musiknutzung verlagert sich nahezu vollständig aufs Streaming über das Internet, Musiktitel zu besitzen ist nicht mehr von Interesse, nicht nur für junge Menschen. Und dann erklär einmal der Oma, wie sie dem Enkerl eine Geschenk-Playlist in Spotify anlegt.

Ähnlich verhält es sich mit anderen Datenträgern: Die Tante hat sich schon beim "Ringstraßenpalais" die Augen ausgeweint? Dann ist sie die perfekte Kandidatin für eine DVD-Box von "Downton Abbey"? Nicht in Zeiten von Netflix, Amazon Prime und Co. Alles ist heute jederzeit im Internet für jeden in größter Bequemlichkeit verfügbar. Das ist praktisch, aber Herrschaftszeiten, was soll man den Tanten dieser Welt dann noch unter den Christbaum legen?

Die Antwort ist naheliegend: Zumindest bis jetzt hat es trotz E-Book-Konkurrenz nur das Buch geschafft, die Geschenke-Digitalisierung zu überleben. Und so vieles spricht für Bücher als Weihnachtsgeschenke, das weiß auch Philosoph Konrad Paul Liessmann: "Man zeigt damit, dass man sich über das Leseverhalten und die Vorlieben und Abneigungen des anderen Gedanken gemacht hat." Eine Umfrage der Deutschen Buchbranche hat - zugegeben, etwas voreingenommen vielleicht - rechtzeitig vor Weihnachten festgestellt, dass Bücherschenker als aufmerksam, zugewandt und einfallsreich gelten. Bei wem es an Letzterem dann doch hapert, dem sei mit den ganz persönlichen Buchgeschenk-Favoriten der Feuilleton-Redaktion geholfen.

Er kann getrost als ein perfekter Roman gelten. Auch zehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen auf Deutsch. David Mitchell gelingt in seinem "Wolkenatlas" (Rowohlt) ein kunstvolles wie fein gewobenes literarisches Puzzle. Sechs Lebenswege zeichnet er darin nach - von einem Anwalt, der 1850 den Ozean erforscht, über einen Komponisten, der 1931 vor seinen Gläubigern flieht, bis zu einem futuristischen koreanischen Klon, der angeklagt wird, ein Mensch sein zu wollen. Wie Mitchell diese Geschichten subtil miteinander verwebt, wie er Rätselhaftes erst nach und nach auflöst, wie er das Fragmentarische zum Stilmittel erklärt - all das erschafft eine sprachliche Zauberwelt voller stilistischer Kontraste, die lange nachhallt. Trotz unzähliger aktueller Bezüge gelingt es Mitchell darin, einen in sich geschlossenen Kosmos aufzubauen, in den man sich gerne verkriecht. Judith Belfkih

Was tun, wenn ein sprechendes Känguru vor der Tür steht und sich Milch, Eier, Öl, eine Pfanne und einen Herd für Palatschinken ausborgen will? Vor dieser Frage steht Marc-Uwe Kling, Kleinkünstler und Autor der "Känguru-Chroniken"-Trilogie (Ullstein 2009-2014). Wenige Tage später ist das Känguru sein Mitbewohner. Es ist Kommunist, war beim Vietkong, zahlt nie, dafür hat es auf alles eine Antwort - quasi kostenlos. Außer man ruft es an, denn es hat nur eine Mehrwert-Telefonnummer. Kurz: die wohl charmanteste Kapitalismus-Kritik der letzten Jahre. Bernhard Baumgartner

Auch Caesar hat gelacht. Rund zweitausend Jahre später lachen wir noch mit. Die britische Altertumswissenschafterin Mary Beard hat unlängst in "SPQR" die umfassendste und spannendste Geschichte des Römischen Reichs vorgelegt. In "Das Lachen im alten Rom" (Verlag Philipp von Zabern) spürt sie dem Witz der Römer nach - und gefährdet als stilistisch brillante Erzählerin heutige Zwerchfelle: Nie waren uns die Menschen der Antike näher. Vorsicht! - Die Lektüre kann zu Rom-Sucht führen. Edwin Baumgartner

Nach der Erstlektüre Ernst Jandls war alles anders. Der optisch der Avantgarde unverdächtige Herrlehrer in Beige ermöglichte einen neuen Blick auf die Sprache. Das war erstaunlich, weil man in den 90er Jahren aufwuchs und die radikale Lyrik von "Laut und Luise" auf 1966 datiert - sie musste also modern und zeitlos in einem sein. Gedichte wie "wien : heldenplatz" sind gerade in Zeiten des Rechtspopulismus noch gültig: "pirsch! döppelte der gottelbock." Zeitlos aber auch Jandls Witz: "wo bleibb da hummoooa." Andreas Rauschal


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-16 16:35:35
Letzte nderung am 2016-12-16 18:50:47



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