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Update: 12.03.2017, 14:34 Uhr

Literatur

Und plötzlich hat es mich




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Von Petra Hartlieb

  • Die US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Hanya Yanagihara fasziniert im Roman "Ein wenig Leben" mit einer Neudefinition von Liebe, Familie und Beziehung. - Protokoll einer Lese-Sucht.

Beschert Lesern schlaflose Nächte: Hanya Yanagihara. - © ullsteinbild - EFE / Emilio Naranjo

Beschert Lesern schlaflose Nächte: Hanya Yanagihara. © ullsteinbild - EFE / Emilio Naranjo



Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe schon alles gelesen. Immerhin lese ich seit fünfundvierzig Jahren und seit ungefähr zwanzig Jahren professionell, zuerst als Literaturkritikerin, jetzt als Buchhändlerin. Das ist das Schöne an meinem Beruf: die Fülle an Themen, die unfassbare Auswahl, die ich zur Verfügung habe.

Allerdings bringt dieser unbegrenzte Zugang zur Literatur gewisse Begleiterscheinungen mit sich, denn so viele Lesejahre machen mich nicht eben zur einfachen Konsumentin. Immer öfter ertappe ich mich daher bei dem Gedanken: Kenn ich schon. So etwas hab ich schon gelesen. Ganz gut, aber . . . Und dann gibt’s ja auch noch diese neue Serie auf Netflix, über die jetzt alle reden, und wo ich immer noch in der ersten Staffel hänge.

Dann erzählt mir auf der Buchmesse im Oktober ein Verlagsmitarbeiter von einem Wahnsinns-Tollen-Neuen-Noch-nie-Dagewesenen-Buch, das Anfang 2017 erscheinen wird, und ich höre mir die Geschichte an und denke mir: Ja. Eh. Sicher. Eigentlich erzählt er mir nichts über den Inhalt, nur dass es eine wirklich arge Geschichte sei, eine, die niemanden kalt lässt. Auch das hab ich schon mehr als einmal gehört. Und es stoßen noch zwei Mitarbeiterinnen zum Gespräch dazu und erzählen ein bisschen. Sie deuten nur an, und wieder denke ich: ja okay. Aber da ist so ein Leuchten in ihren Augen und gleichzeitig eine gewisse Traurigkeit, als wüssten sie bereits etwas, das ich auch eigentlich wissen sollte.



Nach dem anstrengenden Weihnachtsgeschäft erlaube ich mir, ein neues Buch zu lesen. Eines, das im neuen Jahr erscheinen wird, und natürlich greife ich zu diesem Buch. Nicht nur, weil der Verlag es gleich mehrmals geschickt hat, damit man es ja nicht übersieht, nein, auch, weil ich an diesem Cover nicht vorbeikomme. An diesem jungen Mann, der das Gesicht vor Lust oder Schmerz verzieht (Foto: "Orgasmic Man" von Peter Hujar, Abbildung links).

Information

Hanya Yanagihara

Ein wenig Leben

Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin 2017, 960 Seiten, 28,80 Euro.

Siehe dazu auch Beitrag im LitBlog.

Petra Hartlieb lebt als Buchhändlerin und Autorin (zuletzt "Ein Winter in Wien", Roman, Kindler Verlag, 2016) in Wien.

Das Buch beginnt mit einer alltäglichen Szene, in der zwei junge Männer namens Willem und Jude versuchen, eine Wohnung in New York zu mieten - und kläglich daran scheitern, weil sie nicht kreditwürdig sind. Nach der Wohnungsbesichtigung treffen sie sich mit ihren Freunden Malcolm und JB bei einem heruntergekommenen Vietnamesen und erzählen die gescheiterte Wohnungssuche als kleine Komödie mit dem Fazit, dass ohnehin niemand in solch einem Loch wohnen möchte.

Das Geplänkel bei Pho-Suppe ist wie eine leichtfüßige Ouvertüre auf die nächsten 957 Seiten: Vier junge Männer, grundverschieden, beste Freunde seitdem sie ein gemeinsames Collegeappartement bewohnt hatten. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Traum - und dennoch sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft.

Zunächst ist es nicht ganz einfach, die Personen auseinander zu halten: Wer war jetzt noch mal Malcom? Etwa der farbige Anwaltssohn? Und wie war das mit JB, der sich als Künstler sieht, und Willem, dem gutmütigen Farmersohn, der so gerne Schauspieler werden möchte?

Und über allem schwebt Jude. Jude St. Francis, über den man nichts erfährt, der nichts preisgibt aus seinem Leben, der aber dennoch vom ersten Kapitel an die zentrale Figur zu sein scheint. Er ist schön und klug, aber gleichzeitig schwer versehrt. Er hat Beinverletzungen von einem angeblichen Autounfall, ständig wiederkommende Schmerzattacken werfen ihn aus der Bahn, und seine langärmeligen Hemden zieht er nicht einmal am Strand aus.

Also gut: Ein New York-Roman. Eine Entwicklungsgeschichte. Ein Männer-Buch (die einzigen Frauen im ersten Kapitel sind die Wohnungsmaklerinnen und diverses Personal). Muss ich das wirklich lesen? Und plötzlich hat es mich. Es packt mich und lässt mich nicht mehr los. Es ist, als würde Hanya Yanagihara direkt in mein Herz fassen und es einmal zusammendrücken. Und ich weiß nicht genau warum, ich kann nicht mehr aufhören, bin versucht, Seiten zu überblättern, damit ich weiß, wie es weitergeht. (Stirbt jemand? Stirbt Jude? Bitte sagt mir, dass keiner stirbt!).

Obwohl die regelmäßigen Treffen der vier im Laufe der Jahre weniger werden, verlieren sie sich nie aus den Augen. Willem, inzwischen erfolgreicher Schauspieler, und Jude, Junior Partner in einer Anwaltskanzlei, bleiben sich so nahe wie in jungen Jahren.

Nach und nach erfahren wir mehr über den geheimnisvollen Jude, über die verletzte Seele in dem verletzten Körper, und parallel mit seinen Freunden werden wir mit hineingezogen in das schwarze Loch seiner Vergangenheit.

Nicht selten möchte ich das Buch fast in die Ecke werfen, so schmerzvoll ist es an manchen Stellen; auch fühle ich mich wie eine Voyeurin, denn die Dinge, die Jude erlebt hat, will man eigentlich nicht wissen. Doch ich lese weiter, unaufhaltsam, denn schließlich müssen auch Jude, Willem, Malcolm und JB einfach immer weitermachen mit ihrem Leben, und ich kann sie doch nicht allein lassen.

Die Lektüre ist wie eine Sucht, ich trau mich kaum zu atmen, hole mir nichts zu trinken - daher muss ich auch nicht aufs Klo. Wann hatte ich das letzte Mal solch ein Leseerlebnis? Dieses Gefühl, dass rundherum nichts mehr ist und ich mitten in der Geschichte bin, mitten drin im Leben von Menschen, von denen ich kurz zuvor nicht wusste, dass es sie gibt, und plötzlich sind sie mir so nah, dass es mir fast das Herz zerreißt beim Gedanken, es könnte ihnen etwas zustoßen.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-02 16:38:07
Letzte nderung am 2017-03-12 14:34:46



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