• vom 04.02.2017, 14:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Unethischer Eingriff in die Natur




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter Mohr

  • Der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter konfrontiert im Roman "Elefant" die Zürcher Obdachlosenszene mit überehrgeizigen Gentechnikern.

Lässt dem Leser diesmal wenig Freiheit: Martin Suter - © ullsteinbild / Sven Simon

Lässt dem Leser diesmal wenig Freiheit: Martin Suter © ullsteinbild / Sven Simon

"Hier hatte einer nicht in die Natur eingegriffen, um einen wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen, der Krankheiten heilen oder Leben retten sollte. Er hatte es getan, um eine Sensation zu erzeugen und damit womöglich ein Vermögen zu machen", heißt es im neuen Roman "Elefant" des Schweizer Bestsellerautors Martin Suter. Und der Eingriff in die Natur hat es tatsächlich in sich. Eines Morgens sieht der obdachlose Ex-Investmentbanker Fritz Schoch, als er im Schlafsack am Limmatufer in Zürich erwacht, ein kleines rosafarbenes Tier.

Verfolgungsjagd

Schoch traut seinen Augen nicht, wähnt sich erst noch im Alkoholrausch: "Es war ein winziger Elefant, höchstens vierzig Zentimeter lang und dreißig hoch." Der Autor stellt in diesem neuen, wieder einmal äußerst spannend inszenierten Roman die Obdachlosenszene von Zürich und den ungebremsten wissenschaftlichen Ehrgeiz der Genetiker gegenüber.

"Die Ideen kommen mir beim systematischen Denken, ich sitze nicht unter einem Feigenbaum und warte, bis mir eine Idee zufliegt. Es ist Arbeit", hat Suter einmal erklärt. Der heute 68-Jährige hatte erst mit knapp Fünfzig als Romanautor debütiert und seitdem große Erfolge gefeiert.



.

Information

Martin Suter

Elefant

Roman. Diogenes, Zürich 2017, 348 Seiten, 24,70 Euro.

Die Spannung bezieht der Roman aus einer Art Verfolgungsjagd, die um den rosafarbenen, in der Dunkelheit leuchtenden Elefant entbrennt. Auf der einen Seite agieren der obdachlose Ex-Banker, der das Sabu genannte Tier liebgewonnen hat, sowie die engagierte Tierärztin Valerie und der burmesische Tierpfleger Kaung, der die Elefantensprache beherrscht und für den das Tier "heilig" ist. Ihnen gegenüber steht der skrupellose Genetiker Roux, der "Schöpfer" des seltsam anmutenden Tierchens, der "das Pigment von der Nase des Mandrill-affen und das Luziferin eines Glühwürmchens" vermischt hat. Rücksichtslose Abgesandte der chinesischen Gen-Mafia mischen ebenfalls kräftig mit.

Zehn Jahre hat der Autor nach eigenem Bekunden mit diesem "Stoff" gerungen - seit einer Begegnung mit dem renommierten Hirnforscher Mathias Jucker, der ihn für die Grenzenlosigkeit der Genetik und die damit verbundenen Risiken sensibilisierte.

Sabu, der leuchtende Mini-Elefant, landet zwischendurch in der Villa eines verstorbenen Millionärsehepaares. Dort wird er gehegt und gepflegt - und es kommt sogar zu einer Annäherung zwischen dem Obdachlosen und der Tierärztin. Letztere stellt alsdann die Kardinalfrage des Romans: "Wie unethisch darf man zur Verhinderung von etwas Unethischem vorgehen?" Heiligt die gute Absicht tatsächlich jedes Mittel?

Beide Seiten kämpfen mit harten Bandagen. Als Leser hätte man auch auf den einen oder anderen Effekt verzichten können. Doch trotz aller Spannung und des impliziten ernsten Sujets bleibt dieser Suter-Roman seltsam blass.

Wahrscheinlich liegt es an der allzu starken Schwarz-Weiß-Malerei bei den Figuren. Der Obdachlose als Gutmensch, der illegal in der Schweiz lebende Tierpfleger als buddhistischer Elefantenversteher: Die Sympathiepunkte sind klar verteilt. "Wenn es ihm gelang, patentierbare Tiere zu generieren, die nicht nur im Dunkeln leuchteten, sondern auch bei Tageslicht eine spektakuläre Farbe besaßen, war er in jeder Beziehung ein gemachter Mann", heißt es etwa über den Genetiker Roux. Noch nie hat Martin Suter dem Leser bei der Lektüre so wenig Freiheit gelassen und (zumindest latent) klare moralische Regeln vorgegeben. Die suter-typische Leichtigkeit ist so auf der Strecke geblieben.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-02 16:45:23
Letzte Änderung am 2017-02-02 17:20:43



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. steiermark
  2. Weltreise in der Badewanne
  3. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. Die Stadt der Bücherleser
  3. zeichen?

Werbung




Werbung


Werbung