• vom 11.02.2017, 15:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Entlarvte Gesellschaft




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bruno Jaschke

  • Der österreichische Schriftsteller Clemens Berger schildert in seinem großformatigen Roman "Im Jahr des Panda" Menschen in Grenzsituationen.

Clemens Berger wurde 1979 in Güssing geboren. - © Andreas Duscha

Clemens Berger wurde 1979 in Güssing geboren. © Andreas Duscha

Drei Erzählstränge um vier Progatonisten - oder fünf, je nachdem, wie man ein Alter Ego interpretieren will - treibt dieser quantitativ wie substanziell großformatige Roman um. Da sind zum einen die impulsive Pia und der sportliche Julian, ein junges Paar, das sich bei der Arbeit kennen und lieben gelernt hat: Sie befüllen Bankomaten mit frischen Geldscheinen. Eines Tages befüllen sie aber nicht mehr die Bankomaten, sondern Taschen und Stofftiere. Mit diesen brennen sie über Südeuropa und Nordafrika in den Fernen Osten durch. Ihre Flucht schlägt riesige Wellen in herkömmlichen und sozialen Medien, die Pia durch Postings von einem anonymen Server aus noch verstärkt.

"Pandaismus"

Pias Mutter Rita ist Tierpflegerin in Schönbrunn, eine "ruhige, bescheidene, schüchterne Frau, die man nicht so genau nach ihrem Leben vor dem Zoo fragte". Ihre Tochter hat nach einem Streit den Kontakt zu ihr abgebrochen, was bei Rita latente Schuld- und Versagensgefühle hinterlässt. Mit einem Mal aber erhält ihr Leben einen Fokus, als im Zoo ein Panda geboren wird, im Land darob eine Hysterie - ein "Pandaismus", wie es an einer Stelle heißt - ausbricht und Rita als Einzige einen Kontakt zum Säugling und seiner Mutter findet. Aber auch Pias Tat verschafft ihr eine tiefe Befriedigung. Und wie sie räumlich immer weiter auseinanderdriften, nähern sich Mutter und Tochter (durch die Segnungen der Technologie) wieder behutsam einander an.



Und dann ist da noch der Maler Kasimir Ab, durch seine Darstellung von Händen berühmt und reich geworden. Er wird von Frauen verehrt, von Kritikern bewundert, von anderen Kulturschaffenden und Intellektuellen respektiert. Er pflegt einige Macken, etwa, dass er sich grundsätzlich nie ohne Handschuhe zeigt. Trotzdem fühlt er sich als angepasstes Rädchen im Kunstbetrieb und sucht buchstäblich das Abenteuer im Kopf - in der Parallelexistenz als anarchischer "Unbekannter Künstler". Dessen erste Großtat ist, das Haus des Meeres mit einem riesigen 500-Euro-Schein zu bemalen. Dann geht Kasimir so weit, seine Entführung durch den Unbekannten Künstler zu fingieren. Wie sich Kasimir durch das selbst inszenierte Kidnapping in Ungemach verstrickt und am eigenen Leib die Wahrheit des alten alternativen Sinnspruchs erfährt, dass man Geld nicht essen kann, ist schlichtweg meisterhaft erzählt.

Information

Clemens Berger

Im Jahr des Panda

Roman. Luchterhand, München 2016, 670 Seiten, 24,70 Euro.

Generell lebt der Roman recht gut mit dem Kontrast von individuellen Lebensentwürfen und verwickelten Handlungssträngen mit konventionellen Abläufen und Verhaltensmustern. Wie Kasimir Ab als erfolgreicher Maler vom Kunst- und Kulturbetrieb hofiert und von Kritikern mit oberschlauen Betrachtungen belobigt wird, ist ebenso ein vorhersehbarer Topos wie der Medien-Hype, der nach Pias und Julians Raub und Flucht einsetzt.

Feinzeichnungen

Nichtsdestotrotz sind solche Gesellschaftsbilder mit entlarvender Treffsicherheit in Szene gesetzt. Als sich etwa Fotos, die Pia auf Facebook gepostet hat (von Stofftieren, einer Oase, dem Blut eines ermordeten Globalisierungsgegners), sich epidemisch vermehrt auf Hauswänden, Verkehrsschildern und Toilettentüren wiederfinden, äußert ein Kommentator (vermutlich in einer Zeitung), "die Neuigkeit dieses Phänomens liege darin, dass etwas nicht nur im Netz stattfinde, sondern sich in der konkreten Welt materialisiere". Nicht nur hier zeigt Berger eine bemerkenswert gut entwickelte Fähigkeit, über den Sprachgestus Feinzeichnungen von Milieus, Meinungsmachern und deren Attitüden anzufertigen.

Ein paar verzichtbare Passagen gibt es auf den 670 Seiten aber auch: Der Rekurs auf Pias Vergangenheit im Umfeld politischer Aktivisten ist ziemlich langatmig und nicht wirklich handlungsrelevant; noch weniger ist das freilich das Tagebuch des neugeborenen Pandas, das augenscheinlich nicht mehr sein will als ein mit Sarkasmus aufgepeppter, philosophisch angehauchter Begleittext zu Alltag und Zeitgeschehen.

Ansonsten aber bringt Clemens Berger seinen gewaltigen Haufen Stoff kurzweilig und mit überzeugender dramaturgischer Dichte über eine Bühne, auf der sich ein paar Menschen in Grenzbereichen bewegen - und wo das Geschnatter einer aufgeregten Öffentlichkeit gewissermaßen die Begleitmusik gibt.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-09 17:50:08
Letzte nderung am 2017-02-09 18:19:21



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Hartnäckige Fake News
  2. Experiment in Entschleunigung
  3. Trau dich!
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. Seiten für die Ewigkeit
  3. breaking poem II

Werbung




Werbung


Werbung