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Update: 11.02.2017, 10:22 Uhr

Sachbuch

Ratlos gegenüber Islamismus




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Von Heiner Boberski

  • Zwei neue, sehr kritische Bücher über das Verhältnis des Westens zur muslimischen Welt.

Für selbstbewusste Islamkritik tritt Samuel Schirmbeck in seinem neuen Buch ein. - © reuters/Omar Sobhani

Für selbstbewusste Islamkritik tritt Samuel Schirmbeck in seinem neuen Buch ein. © reuters/Omar Sobhani

"Will man behaupten, dass jene 55 bis 70 Prozent der Bevölkerung, denen der Islam Furcht einflößt, allesamt ,fremdenfeindlich‘, ,reaktionär‘ oder gar ,faschistoid‘ sind?" In seinem Buch "Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen" plädiert der deutsche TV-Journalist Samuel Schirmbeck, viele Jahre lang ARD-Korrespondent in Algier, eindringlich für eine selbstbewusste Islamkritik. Vor allem bestreitet er, dass Terror und Gewalt im Namen des Islam mit dem Islam eigentlich nichts zu tun hätten und es "den Islam" gar nicht gebe. Das bestätige nur, dass man mit dem Islam machen könne, was man wolle.

Damit das aufhöre, müsse "der Islam vom Islamismus befreit werden, wie es die aufklärerischen Kräfte unter den Muslimen fordern". Die Islamverbände und die theologischen Instanzen der muslimischen Welt müssten, so Schirmbeck, einräumen, dass es "den Islam" in einer Hinsicht doch gebe, "dann nämlich, wenn es um seine menschenfeindlichen Züge geht". Schirmbeck zählt sie auf: "Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige, Minderstellung der Frau im Namen Gottes, Diskriminierung religiöser und kultureller Minderheiten im Namen der ,besten Gemeinschaft, die Gott jemals geschaffen hat‘, Verfolgung Homosexueller, Blasphemiker und Apostaten, Verweigerung der Gewissensfreiheit und der Trennung von Staat und Religion".

Information

Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen
Samuel Schirmbeck
Orell Füssli, 288 Seiten, 19,50 Euro

Die Strenggläubigen
Wilfried Buchta
Hanser, 240 Seiten, 20,60 Euro

Durchaus nicht frei von Polemik attackiert Schirmbeck besonders jene, die bereit seien, "einem unreformierten, unaufgeklärten Islam den roten Teppich auszurollen", und nennt dabei "vor allem Linke, Grüne und Sozialdemokraten". Die Mehrheit Westeuropas wolle aber eine "Werteverschiebung zugunsten des fundamentalisch orientierten Islam" nicht, auch die bürgerliche Mitte liebäugle deshalb zunehmend mit rechten Populisten. In Schirmbecks Buch kommt von der "Grausamkeit des Alltagsislam" über den "finsteren Islam der Islamverbände" bis zur "wert(e)losen Linken als Komplize des Islamismus-Islam" alles vor, was man dem Islam und ratlosen westlichen Politikern vorwerfen kann.

Würde Europa die Augen aufmachen, so der Autor, wäre es mit der Ratlosigkeit vorbei. Voraussetzung dafür wäre es, den Islamismus als Teil des Islam zu erkennen und zu klären, wo der Islam aufhört und der Islamismus anfängt. Für Schirmbeck ist unverständlich, dass dabei das Kooperationsangebot der muslimischen Aufklärung, die den Blick auf die Täter im Islam lenken möchte, im Westen nicht angenommen wird.

Wer an der langen geschichtlichen Entwicklung des Islam, der stets in Verbindung mit einem militanten Islamismus stand, Interesse hat, findet im neuen Werk "Die Strenggläubigen" fundierte Informationen. Für den Autor, den Islamwissenschafter und Publizisten Wilfried Buchta, steht das Jahr 1979 mit der iranischen Revolution am Beginn der aktuellen Entwicklungen. Die arabische Welt ging vom Nationalismus zum Fundamentalismus über. Buchta liefert einen Überblick über die Kriege im Nahen Osten und zeichnet die islamische Welt als zutiefst gespalten und mit großen Herausforderungen konfrontiert.

Wettrüsten und Bürgerkriege

Das spekulative Szenario, das Buchta am Ende seines bis dahin sehr seriösen Buches für die kommenden zehn Jahre entwirft, ist alles andere als erfreulich. Er rechnet mit einem Machtzuwachs strenggläubiger Fundamentalisten. Der "clash of civilization" werde zunehmend Realität, die "Herkulesaufgabe für Europas Regierungen" bestehe in der Konfrontation mit Terror und rechtsnationalem Extremismus.

Buchta befürchtet gravierende Auswirkungen der US-Präsidentschaftswahl auf das Verhältnis der USA zum Iran, ein Erstarken des Islamischen Staates, ein atomares Wettrüsten von Sunniten und Schiiten und Bürgerkriege - vor allem im Kurdengebiet der Türkei und im Libanon. Das werde wieder zu höheren Flüchtlingszahlen und heftigen Auseinandersetzungen in Europa führen. Das alles will man natürlich nicht glauben, aber vielleicht behält Buchta ja damit und sogar mit einer weiteren Behauptung recht: "Im Jahr 2026 hielt sich Baschar al-Assad in Damaskus immer noch an der Macht..."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-10 16:30:09
Letzte nderung am 2017-02-11 10:22:03



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