• vom 04.03.2017, 16:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Gefangen in einer Zwangswelt




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Uwe Schütte

  • Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Kern fasziniert mit einem Roman, der zwischen Alb, bösem Märchen und der Leidensgeschichte einer Frau oszilliert.

Elfriede Kern, Jahrgang 1950, lebt in Linz.

Elfriede Kern, Jahrgang 1950, lebt in Linz.© Jung und Jung Elfriede Kern, Jahrgang 1950, lebt in Linz.© Jung und Jung

Von 1996 bis 2001 geschah etwas Merkwürdiges: Im Verlauf dieser Jahre veröffentlichte Elfriede Kern drei außerordentliche Romane, die zum ehernen Bestand der österreichischen Literatur gehörten, sofern nur ästhetische Qualität automatisch zu Erfolg führen würde. Dass diese Bücher von der Kritik jedoch eher unbeachtet blieben und mehr oder weniger untergingen, weil sich die Anerkennung auf ein paar mindere Literaturpreise beschränkte, stellt dem österreichischen Literaturbetrieb ein veritables Armutszeugnis aus.

Die drei Romane - "Etüde für Adele und einen Hund" (1996), "Kopfstücke" (1997) und "Schwarze Lämmer" (2001) - fügen sich zwar nicht zu einer Trilogie im strengen Sinne zusammen, sehr wohl aber entwerfen sie einen autonomen Erzählkosmos aus beständig variierten Motiven und Handlungsmustern, in dem sich Elemente aus der Trivialkultur mit mythologischen und biblischen Motiven sowie Anspielungen auf Märchen verbinden.

Erzählt werden die Romane durchgehend von Frauen, die sich auf Irrfahrten befinden in einer zwischen Realität und Traum oszillierenden Welt, in der magische Praktiken, archaische Rituale und archetypische Symbolik auf Versatzstücke des postmodernen Alltags treffen, wie etwa auf Einkaufszentren oder Stadtautobahnen. Ebenso stets präsent in Kerns Texten sind männliche Gewalt und patriarchalische Verfügungsmacht über Frauen, freilich ohne dass die Autorin in billige Anklagemuster feministischen Erzählens verfallen würde, zumal die den Frauen angetanen Grausamkeiten von den Protagonistinnen eher beiläufig mitgeteilt werden. Allein schon wegen ihrer Kunst, mit traumwandlerischer Sicherheit Klischees zu vermeiden und stereotypische Erzählmuster zu unterlaufen, verdienen Kerns Bücher jene Beachtung, die ihnen bisher verweigert wurde.



Information

Elfriede Kern

Das Nesselhemd

Roman. Jung und Jung, Salzburg 2017, 254 Seiten, 23,- Euro.

Es steht zu vermuten, dass dieses Versagen ein wesentlicher Grund sein dürfte dafür, dass die Autorin nach ihrem Erzählungsband "Tabula Rasa" (2003) nichts mehr veröffentlichte. Doch nun ist sie zurück mit einem, wie kaum anders zu erwarten, vorzüglichen Roman namens "Das Nesselhemd". Wie der Titel andeutet, nimmt Kern in diesem Buch Bezug auf die Motivwelt der Märchen - in einer Version von "Die sechs Schwäne" muss ein Mädchen Nesselhemden nähen, um ihre sechs Brüder aus der Gefangenschaft zu erlösen. Kern hingegen stülpt ihrer Heldin Meret ein Nesselhemd aus dem Kostümfundus eines Theaters über, das sich allerdings als ein Quälinstrument erweist, aus dem sie sich lange Zeit nicht zu befreien versteht.

Dass auch Meret sich auf einer Irrfahrt befindet, hat sie dem rücksichtslosen Sam zu verdanken, der sie aus ihrem Haus vertreibt: Er schickt die Frau auf eine abenteuerliche Fußwanderung abseits gängiger Pfade und verlangt ihr ab, sich mit niemandem anzufreunden und genauestens auf seine Vorgaben zu achten. Freilich hält sich Meret nicht daran; ihr begegnen allerhand merkwürdige Gestalten, von denen sie sich Hilfe erhofft bei der Unbill, die allenthalben auf sie lauert, wobei diese Wegbekanntschaften ihr stets weiter schaden und sich als Abgesandte von Sam erweisen (obgleich nie klar wird, ob diese Vermutung stimmt). Und damit ist der Leser schon gefangen in der bizarren Welt des Romans, die zwischen (Alb-)Traum, bösem Märchen und der Leidensgeschichte einer Frau oszilliert.

Erzählt wird das alles in einem Tonfall, der dem Handlungsrahmen angemessen ist: Veralteter und aktueller Sprachbestand treffen aufeinander, wobei stilistisch auch die rituelle Wiederholung festgefügter Formeln auffällt. Damit erreicht wird nicht nur eine Verdichtung der literarischen Wirkung, indem die Geschichte der in einer Zwangswelt gefangenen Meret ein sprachliches Pendant findet; der ganze tiefere Sinn von Kerns Erzählkunst erschließt sich erst aus der fatalistischen Wendung, mit welcher dieser bemerkenswerte Roman endet. Es wäre mehr als verdient, wenn Kern nun mit "Das Nesselhemd" neue Leser finden würde. Sie werden die Lektüre nicht bereuen.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-02 17:45:08
Letzte nderung am 2017-03-02 18:00:54



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Tango Noir: Tanz der dunklen Mächte
  2. Ozeanische Gefühle
  3. Braunauer Familiengeschichten
Meistkommentiert
  1. "Ohne Polen kollabiert London"
  2. Tango Noir: Tanz der dunklen Mächte
  3. am grabstein

Werbung




Werbung


Werbung