• vom 04.03.2017, 15:00 Uhr

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Im Blätterwald der Resignation




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Von Oliver vom Hove

  • Der rumänische Schriftsteller und Ex-Politiker Varujan Vosganian widmet der verlorenen Generation seiner Heimat einen traurigen Schelmenroman.

Autor mit armenischen Wurzeln: Varujan Vosganian.

Autor mit armenischen Wurzeln: Varujan Vosganian.© Paul Zsolnay Verlag Autor mit armenischen Wurzeln: Varujan Vosganian.© Paul Zsolnay Verlag

"Heute letzter Tag!" steht wie eine apokalyptische Warnung in dicken Balkenlettern über dem Eingang eines kleinen Ladens. Aber es geht hier ganz offenkundig nicht um den Weltuntergang. Denn der Laden in dem rumänischen Kleinstädtchen ist ein Glücksspiel-Eldorado. Gemeint ist die letzte Chance vor der nächsten Ziehung.

Der in dem Laden Dienst tut, ist allerdings dem kostspieligen Lotto-Fieber gänzlich abhold. Als Menschenfreund versucht dieser Jenica, die Kunden von dem waghalsigsten Zocken abzuhalten. Im Übrigen erweist er sich als schüchterner, von seiner Mutter unterdrückter Duckmäuser.

Ums Spielen geht es im ganzen Roman von Varujan Vosganian. Vier Freunde haben sich einst die Zeit mit dem (titelgebenden) "Spiel der hundert Blätter" vertrieben: mit dem Hüpfen von Blatt zu Blatt unter Kastanienbäumen, soweit man eben kam. Es war ein bescheidenes, aber die jungen Männer zusammenführendes Spiel. Und es führt drei von vier Freunden auch nach Jahrzehnten wieder unter den Bäumen zusammen.



Information

Varujan Vosganian

Das Spiel der hundert Blätter

Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay, Wien 2017, 20,60 Euro.

Einst waren die Männer das, was man früher mit einem treffenden Wort "Halbstarke" genannt hat. Und sie sind es, in gewisser Weise, auch heute, als Fünfzigjährige, geblieben.

Da ist der langhaarige Maca, der, umtost vom Höllenlärm seines Motorrads, durch die herabgewirtschafteten Wohnviertel braust und die Flüche sammelt, die ihm nachgerufen werden. Und da ist der stillere Tili, der einem Puppenmacher dabei hilft, den handgefertigten Geschöpfen passende Namen zu verleihen. Luca schließlich, der einst die Blätterfreunde vierblättrig machte, hat sich noch vor der Wende aus dem Staub gemacht, auf geheimnisvolle Weise. Er bleibt rätselhaft verschwunden, bis die Einsicht in die Securitate-Akten seinem Schicksal grausame Konturen verleiht.

Alle haben sie einst Maschinenbau studiert, in der Annahme, das sei eine Ausbildung mit Zukunft. Aber: "Alle Fabriken der Stadt sind geschlossen worden, allen voran jene, die Maschinen der verschiedensten Arten gebaut haben."

Drei der Freunde sind Angehörige jener verlorenen Generation nach dem politischen Umbruch in Rumänien geworden, die, völlig chancenlos in der Gegenwart, vor sich hin sinniert: "Jeder vergangene Tag ist ein Sieg über den Tod. Tag für Tag überwinden wir den Tod, und er selbst überwindet uns nur ein einziges Mal. So gesehen ist das Leben eine Weise, den Tod mit dem höchstmöglichen Ergebnis zu schlagen." Das eigene Leben wurde abermals ein Spiel, mit dem Einsatz von Aussichts- und Ausweglosigkeit.

Wer will, kann das Buch als politische Allegorie lesen. Oder er genießt es als surrealen Schelmenroman mit traurigem Grundton, als pessimistische Farce mit Märchen-Einlagen. Wobei die allegorischen Abschweifungen erratisch sind, sich wenig organisch einfügen.

Wer sich für die politische Lesart entscheidet, merkt bei der Lektüre: Varujan Vosganian, der in Rumänien in einer demokratisch-konservativen Regierung einmal auch Minister war, klagt Ceausescus Gewaltherrschaft in seiner Heimat an, verkörpert durch die allgegenwärtige Folterbrigade der Securitate. Und er beklagt deren beharrlichen, nicht weichenden Schatten über dem Leben der einheimischen Bevölkerung.

Das Wirrwarr und die offenbare Undurchdringlichkeit der politischen Strukturen des Landes sind in Vosganians enigmatischem Roman gut abgebildet. Alles bleibt rätselhaft in dem Buch des Autors, der einst für seine berührende armenische Familiensaga "Buch des Flüsterns" zu Recht sehr gefeiert wurde.

Das "Spiel der hundert Blätter", so könnte man es lesen, ist das Spiel mit den fallenden Kalenderblättern, mit dem nutzlosen Verstreichen der Tage. "Wir sitzen nicht so in der Zeit, wie es sich gehört", bemerkt der träumerische Tili. Und Maca meint verzagt: "Wenn ich nach vorne
schaue und zurück, dann spüre ich, dass die Vergangenheit schwerer wiegt als die Zukunft."

Hunderttausende gehen gegenwärtig in Rumänien gegen Korruption und Verrohung der Politik auf die Straße. Spät, aber doch versuchen sie, das noch immer drückende Joch der alten Herrschaft, vor allem der polizeistaatlichen, abzuschütteln. Es bleibt zu hoffen, dass sie nicht im Blätterwald der Resignation versinken.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-02 17:54:21
Letzte nderung am 2017-03-02 18:03:07



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