• vom 19.03.2017, 11:00 Uhr

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Update: 19.03.2017, 11:25 Uhr

Ästhetische Werturteile

Die Kunst des Urteilens




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Von Hermann Schlösser

  • Es ist zwar schwierig, herauszufinden, was gute Literatur ist, aber unmöglich ist es nicht.

- © Jugoslav Vlahovic

© Jugoslav Vlahovic



Ein gutes Gedicht, ein guter Film, ein gutes Bild . . . Wenn uns etwas gefällt, ist das Wörtchen "gut" schnell bei der Hand. Sicherlich lässt sich dieses unspezifisch positive Urteil bei genauerem Nachdenken verfeinern (gut formuliert, gut beobachtet, gut gemalt), es lässt sich steigern (sehr gut, extrem gut) und schließlich lässt es sich begründen (ich finde dieses Kunstwerk gut, weil . . .).

Sachurteile, Werturteile

Information

Hermann Schlösser, geboren 1953, ist Literaturwissenschafter und Redakteur des "extra".

Eine solche Suche nach Gründen ist vor allem dann angebracht, wenn das kritische Urteil auf Widerspruch stößt. Adjektive wie "neu", "alt", #bdquo⟨ldquo# oder "kurz" geben ein Sachurteil, das zum Streit nicht unbedingt animiert - es sei denn, jemand führte die derzeit zu Unrecht beliebten "alternative facts" ins Feld. Wer aber "gut" sagt, wertet - und setzt sich dadurch der Kritik aus, denn wir leben in einer Gesellschaft, in der Wertungen und Werte nicht unwidersprochen gelten (der einzige unbezweifelbare Wert ist der Pluralismus der Werte). Natürlich kann ein Werturteil auch Zustimmung hervorrufen, aber Gegenwertungen werden ebenso wenig ausbleiben. Das ist in der vielstimmigen Gegenwart so sicher wie das Amen in der traditionellen Kirche.

Was ist gut, was nicht? Über diese Frage wird also in unterschiedlichen Formen gestritten. Dabei ist durchaus nicht immer klar, worum der Streit genau geht. Wirklich nur darum, ob ein Kunstwerk gelungen ist oder nicht? Oder stehen auch die Vorlieben und Lebensstile der Streitenden in Frage? ("Das enttäuscht mich aber, dass DIR dieser Kitschfilm gefallen hat.") Wer könnte das immer trennscharf unterscheiden?

Lektüre im Kollektiv: "Die Lesegesellschaft" von Johann Peter Hasenclever (1843).

Lektüre im Kollektiv: "Die Lesegesellschaft" von Johann Peter Hasenclever (1843).© Wikimedia Lektüre im Kollektiv: "Die Lesegesellschaft" von Johann Peter Hasenclever (1843).© Wikimedia

Zuweilen trägt es auch zur Verwirrung der Diskussionen bei, dass das Wort "gut" eine moralische und eine ästhetische Dimension hat. Denkt man moralisch, ist "böse" das Gegenteil von "gut", argumentiert man ästhetisch, heißt das Gegenwort "schlecht". Aber in der Hitze der Diskussion wird dieser Unterschied oft nicht wahrgenommen, was dazu führt, dass die Streitenden aneinander vorbeireden, ohne es recht zu merken.

Weil aber Diskussionen und Unstimmigkeiten nicht ins Uferlose führen dürfen, werden sie nicht selten mit einem Machtwort beendet, das wiederum "gut" heißt: "Du kannst noch so viele Spitzfindigkeiten anführen, ich bin schlichter gestrickt: Ich finde den Film einfach gut und basta."



Nun ist es jedem Einzelnen unbenommen, dieses oder jenes "einfach gut" oder "einfach schlecht" zu finden. Da aber divergierende Vorstellungen vom Guten und vom Schlechten kursieren, ist der kollektive Gebrauch des Wortes alles andere als einfach. Um dies genauer zu verstehen, empfiehlt sich die Lektüre dreier wissenschaftlich-essayistischer Bücher zum Thema. Sie unterscheiden sich in ihren Fragestellungen erheblich voneinander, sind aber doch allesamt lesenswert, bedenkenswert, diskutierenswert. Sie sind also, kurz gesagt: "gut".

Die Qualitätsfrage

"Was ist ein gutes Gedicht?" Dieser Buchtitel mit Fragezeichen sucht nicht nach einer beliebigen subjektiven Auskunft, sondern unterstellt - gewiss zu Recht -, dass im Gedicht selbst Eigenschaften und Qualitäten vorhanden sind, die es ermöglichen, festzustellen, was ein sehr gutes Gedicht ist, was ein weniger gutes, was ein schlechtes.

In Sinne dieser Unterscheidung macht der Verfasser des Buches, der Anglist Hans-Dieter Gelfert, seine Leserschaft "in 33 Schritten" mit den Besonderheiten der lyrischen Ausdrucksweise bekannt. Gelfert erklärt einleuchtend, dass es bei der Lyrik Kriterien gibt, die unabhängig vom persönlichen Gefallen oder Missfallen gelten: gekonnt gehandhabte Metren und Reimschemata, aber auch schwieriger messbare Qualitäten wie Klangbalancen, der überlegte Einsatz rhetorischer Figuren und dergleichen.

Auf der Basis solch erkennbarer Eigenschaften bewertet der Philologe Gedichte aus mehreren Jahrhunderten als mehr oder weniger gelungen. So zeigt er in einem Vergleich, dass die Sonette des deutschen Barockdichters Andreas Gryphius zwar als anrührende Verse geliebt werden können, dass sie aber nicht dieselbe literarische Finesse haben wie die Sonette Shakespeares.

Seine Beispiele entnimmt Gelfert der deutschen und der englischen Literaturgeschichte, wobei die englischen Gedichte im Original und in Gelferts eigenen, durchaus gelungenen Übersetzungen präsentiert werden. Seine Auswahl richtet sich nicht nur nach persönlichen Vorlieben; er stellt vor allem Gedichte vor, die in Anthologien einen Stammplatz haben, oder die sich bei Umfragen als besonders beliebt erwiesen haben. Diese Gedichte seien, so meint Gelfert, "durch so viele kritische Filter gegangen, dass man annehmen darf, dass sie nicht nach persönlichen und zeitbedingten, sondern nach allgemein gültigen Kriterien ausgewählt wurden."

Verse von Goethe oder John Donne, Shelley oder Heine beweisen für Gelfert diese Fähigkeit guter Lyrik, alle Zeiten und alle Stilveränderungen zu überdauern.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 12:03:09
Letzte nderung am 2017-03-19 11:25:07



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