• vom 18.03.2017, 14:00 Uhr

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Literatur

In den Fängen der Schwellenzeit




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Von Andreas Wirthensohn

  • Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss legt mit seinem neuen Roman, "Hagard", eine höchst irritierende Parabel auf das 21. Jahrhundert vor.

Lukas Bärfuss verlässt in seinem Buch mutig die ausgetretenen Pfade der Literatur. - © Frederic Meyer/Wallstein Verlag

Lukas Bärfuss verlässt in seinem Buch mutig die ausgetretenen Pfade der Literatur. © Frederic Meyer/Wallstein Verlag



Literatur ist eine Möglichkeitswelt, ein Experimentierfeld, auf dem fiktionale Handlungen und Lebensentwürfe durchgespielt werden. Zu den poetischen Freiheiten gehört dabei die Lizenz zur Grenzüberschreitung, zu Verhaltensweisen, die nicht der "Norm" der Realität entsprechen und entsprechend verstörend auf den Leser wirken. Gute Literatur, so könnte man sagen, rüttelt mehr oder weniger stark am Weltbild und an der Weltwahrnehmung der Rezipienten.

Verstörter Held

Information

Lukas Bärfuss
Hagard
Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017, 174 Seiten, 20,50 Euro.

Im Falle von Lukas Bärfuss’ drittem Roman beginnt die Irritation schon mit dem Titel. Das kryptische "Hagard" ist nicht etwa ein Eigen- oder Ortsname, wie man vermuten könnte, sondern ein französisches Adjektiv: "hagard" bedeutet "verstört", "verwirrt", "verängstigt". Und genau das ist der Protagonist dieses Romans in höchstem Maße: Philip, Ende 40 und schon etwas aus der Form gegangen, arbeitet als leidlich erfolgreicher Geschäftsmann in der Zürcher Immobilienbranche.

Er hat eine Sekretärin, keine Frau, dafür einen Sohn, der von einer Tagesmutter betreut wird, - und eines Tages überraschend ein wenig Zeit, weil ein potenzieller Grundstücksverkäufer nicht zum vereinbarten Treffen erscheint. Da gerät ihm plötzlich "ein Paar pflaumenblaue Ballerinas" in den Blick, "zwei scheue Wiesel, verloren im Getrampel, in einer Stampede aus Halbschuhen und schweren Stiefeln. Mehr sah er nicht, die Frau, die sich einen Weg durch die Menge suchte, blieb unsichtbar." Trotzdem beginnt er ein "verbotenes Spiel" und beschließt, ihr zu folgen. Er glaubt, jederzeit aus diesem Spiel aussteigen zu können, aber je länger er sich an die Fersen der jungen Frau heftet, desto manischere Züge gewinnt sein Tun.

Warum er dieser Unbekannten folgt (deren Gesicht er nie erblicken sollte), weiß er selbst nicht. Ein "Anfall von Überdruss" am gewohnten Gang des Lebens? Der Kitzel, damit eine Linie zu übertreten, "die der Anstand um jeden Menschen zieht"? Oder schlicht eine Art Jagdinstinkt, der erst befriedigt ist, wenn er dieser Frau bis in ihre Wohnung, bis in ihre innerste Privatheit nachstellt?

Fest steht: Innerhalb von 36 Stunden im März 2014, als gerade das rätselhafte Verschwinden des Malaysia-Airlines-Fluges MH370 die Welt in Atem hält, lässt Philip sein bisheriges Leben hinter sich und taucht im Wortsinne in ein Schattendasein ein, das böse enden wird. Zumindest wird das am Schluss angedeutet, aber auch hier ist Klarheit Fehlanzeige.

Chaotische Welt

Bärfuss’ Roman (der mit seiner "unerhörten Begebenheit" eher das Paradebeispiel einer Novelle ist) haftet von Anfang bis Ende etwas verstörend Rätselhaftes an. Das beginnt mit dem Erzählrahmen, in dem ein namenlos bleibendes Ich als "Zeuge" und seltsam allwissender Erzähler auftritt, gleichzeitig aber ständig vorgibt, Philips Geschichte nicht zu verstehen. "Ich weiß alles, und ich begreife nichts. ... Und je gründlicher ich die Einzelheiten kläre, umso schemenhafter wird die Welt, in der sich die Geschichte ereignet."

Denn es geht dem Schweizer Autor nicht nur um Philips Geschichte, sondern um die Beschreibung einer seltsam chaotischen, betriebsamen, entfremdeten Welt, einer "Schwellenzeit", in der Zufall und Willkür regieren und die irgendwie, wie man heute gerne sagt, aus den Fugen ist. Dieser Roman hat etwas beklemmend Parabelhaftes an sich, aber dieses Parabolische wird nicht konkret greifbar, sondern ist lediglich zu spüren.

Philips Abschied aus seinem gewohnten Leben vollzieht sich schrittweise und bemisst sich nicht in Stunden oder der Strecke, die er als "Stalker" zurücklegt, sondern nach dem Ladezustand seines Handyakkus. Der ist irgendwann erschöpft. "Alle paar Minuten schaut er auf seinen schwarzen Block, ob er sich regt, ob vielleicht noch ein Rest Ladung im Akku ist, aber zwecklos. Er ist alleine, abgeschnitten und getrennt von seiner Wirklichkeit." Ab diesem Punkt ist auch Philip wie vom Schirm verschwunden, ein Schemen, der seinem Verderben entgegentaumelt.

"Hagard" hat etwas Wildes, Ungebärdiges an sich. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses irritierende Stück Literatur handwerklich, strukturell und auch sprachlich einiges an Schwächen und Unzulänglichkeiten zu bieten hat. Mitunter fürchtet man, dass Bärfuss sich mit seiner Parabel auf die Welt des 21. Jahrhunderts gehörig verhebt. Und doch überwiegt am Ende die Bewunderung für den Mut dieses Autors, auch mit diesem Buch wieder die ausgetretenen Pfade der Literatur verlassen zu haben. Irritierter jedenfalls, "plus hagard", hat man schon lange kein Buch mehr zugeklappt.

Lukas Bärfuss’ Roman "Hagard" ist für den Leipziger Buchpreis nominiert. Die mit 45.000 Euro dotierte Auszeichnung wird im Rahmen der Leipziger Buchmesse verliehen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 12:36:07
Letzte nderung am 2017-03-17 13:17:42



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