• vom 19.03.2017, 18:30 Uhr

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Von Uwe Schütte

  • Der Roman "Selbst" des deutschen Autors und Musikers Thomas Meinecke.



Es gibt nur wenige Autoren in der deutschen Gegenwartsliteratur, die einen derart individuellen Stil besitzen, dass man sie selbst dann erkennen würde, wenn man ein Buch von ihnen blind aufschlägt. Thomas Meinecke ist einer dieser außergewöhnlichen Autoren. Wie in den vorhergehenden Romanen - darunter "Musik" (2004), "Jungfrau" (2008) und "Lookalikes" (2011) -, arbeitet der 1955 geborene Schriftsteller, Musiker und DJ in "Selbst" erneut im thematischen Schnittbereich aus Popkultur, Gendertheorie und Identitätspolitik, wobei auch hier die in der deutschen Gegenwart angesiedelte Handlungsebene mit einer Erzählebene gekreuzt wird, die ein "Anderes" repräsentiert. Zuletzt, in "Lookalikes", war es die Welt des Candoblé in Brasilien; diesmal, in "Selbst", sind es die Pläne deutscher Siedler, im Amerika des 19. Jahrhunderts kommunistische Gemeinschaften aufzubauen.

Innerhalb dieses Rahmens aus Geschichte, Utopie und Theorie operieren die Heldinnen und Helden des Romans wie Spielfiguren, die bestimmte Positionen vertreten: Meinecke lässt sie beständig miteinander diskutieren, es werden Exzerpte aus ihren Theorielektüren vorgeführt, kuriose Fundstücke aus dem Internet präsentiert und nicht zuletzt viel Popmusik gehört. Wiedergegeben wird das alles in einer offenen, bruchstückhaften Weise, die dem Leser ermöglicht, sich seinen Teil zu den Meinungen und Sorgen der Protagonisten zu denken, was eine nicht unwesentliche Stärke von Meineckes Verfahren repräsentiert, das eben nicht didaktisch ist, sondern mögliche Haltungen vorführt.

Information

Thomas Meinecke
Selbst
Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 475 Seiten, cc Euro.

Zu dieser eminent postmodernen Erzählform gehört auch die Verwischung der Grenze zwischen Autor und Erzähler: "Thomas Meinecke ist jetzt eine Romanfigur", hieß es in "Lookalikes"; entsprechend mischt sich in "Selbst" ein Thomas unter die Figuren, deren postmoderner Liebesreigen die Handlung bestimmt, welche geprägt ist von den gendertheoretischen Verkomplikationen, die entstehen, wenn man die recht abgehobenen Theoreme von DenkerInnen wie Jean Luc Nancy, Hélène Cixous oder Judith Butler aufs wirkliche Leben anwenden will.

Meineckes Text lässt keinen Zweifel daran, dass er mit den Definitionsproblemen seiner Figuren stark sympathisiert. Dennoch kann auch dieser Roman lesen werden als eine Parodie auf die Irrungen und Wirrungen junger Menschen, die sich darüber ereifern, warum ein genetisch männliches Model wie Andrej Pejic, der zwar seine Brustwarzen ungestraft auf Laufstegen zeigen dürfte, diese aber mit einer Bandage abbindet, weil er den Genderstatus einer Frau beansprucht, sich deshalb auch zu einer "sex reassignment surgery" entschließt und fortan Andreja heißt, nun aber seine Brustwarzen aufgrund traditioneller Geschlechterpolitik nicht mehr zeigen darf. Oder will. Oder sollte.

Angesichts der unverändert allgegenwärtigen Diskriminierung von Frauen - aus religiösen Gründen wie in ökonomischer Hinsicht - in der sogenannten Realität sind theoretische Fragen der Geschlechterdifferenz nur ein Nebenschauplatz, mag man mit einigem Recht sagen. Meineckes Romane portraitieren mit bemerkenswerter Konsequenz, faszinierender Detailliebe und ausgeprägter Neugier ein Diskursfeld, dessen Verwerfungen die Kulturkämpfe unserer Gegenwart gleichsam in kenntlich machender Vergrößerung zeigen. Das betrifft nicht nur unser Akkommodieren der frauen- und schwulenverachtenden Aspekte des Islams, sondern ebenso die stockkonservativen Haltungen des Katholi-zismus, behauptete doch unlängst der vermeintlich so liberale Papst, dass die Gendertheorie einen "Weltkrieg gegen die Ehe" führe. Angesichts eines durchaus zunehmend reaktionären Klimas leistet Meinecke mit "Selbst"eine wichtige politische wie ästhetische Intervention: aufklärend, zum Nachdenken anregend und nicht zuletzt auch unterhaltend, kurzum: Literatur im besten aller Sinne.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 12:51:06
Letzte nderung am 2017-03-17 13:15:49



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