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Update: 21.03.2017, 14:03 Uhr

Sachbuch

Odysseus und die Kredit-Sirenen




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Von Christian Ortner

  • Ökonomie: Was schuldensüchtige EU-Staaten mit der griechischen Mythologie gemeinsam haben.

Europas wachsende Schuldenstapel: Mit dem "Odysseus-Komplex" entwerfen die Ökonomen Clemens Fuest und Johannes Becker eine sinnvolle, jedoch kaum machbare Lösung der Euro-Krise. - © fotolia/complize/m.martins

Europas wachsende Schuldenstapel: Mit dem "Odysseus-Komplex" entwerfen die Ökonomen Clemens Fuest und Johannes Becker eine sinnvolle, jedoch kaum machbare Lösung der Euro-Krise. © fotolia/complize/m.martins

Die Marketingabteilung des deutschen Hanser-Verlages wird vermutlich nur mäßig glücklich gewesen sein mit dem Untertitel des neuen Buches von Clemens Fuest, dem Leiter des renommierten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitutes Ifo. "Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Euro-Krise", ist da zu lesen unter dem etwas rätselhaften Haupttitel "Der Odysseus-Komplex". Der Begriff pragmatisch ist wahrscheinlich nicht sonderlich sexy angesichts von Laufmetern von Büchern über den Euro, die in der Regel nach dem Muster "Euro-Crash - so retten Sie Ihr Geld" gestrickt sind. Pragmatisch, das klingt im Vergleich dazu irgendwie wenig aufregend und wird den währungspolitischen Laien nicht wirklich animieren, das Buch zu erwerben.

Was freilich ein echter Fehler wäre. Denn Fuest und seinem Co-Autor, dem Ökonomen Johannes Becker, ist eines der interessantesten Bücher über die europäische Einheitswährung gelungen, die derzeit erhältlich sind. In klarer und verständlicher Sprache analysieren sie die Entstehungsgeschichte des Euro, sezieren penibel die Fehler, die bei seiner Einführung passiert sind, beschreiben kompakt und übersichtlich noch einmal die eigentliche Euro-Krise ab 2008, zeigen die nach wie vor drohenden Gefahren für die Einheitswährung auf - und präsentieren schließlich tatsächlich höchst pragmatische Vorschläge zur Lösung der Krise.


"Die Einführung des Euro, so wie sie tatsächlich abgelaufen ist, war ein Fehler. Sie war verfrüht, halbherzig, umfasst zu viele Länder, die gar nicht bereit für den Euro waren, und es fehlte ihr an den lebenswichtigen Institutionen", analysiert Fuest. Eine späte Erkenntnis, die heute freilich wenig hilfreich ist. Als glühenden Kern der Euro-Krise haben die beiden Ökonomen eine schwere Dysfunktionalität jener Verträge und Institutionen ausgemacht, die die Stabilität der Euro-Zone sicherstellen sollen. Allein die Regeln über die Begrenzung der Staatsschulden des sogenannten Maastricht-Vertrages wurden, so haben die Autoren penibel gezählt, bis zur Stunde 117 Mal gebrochen; fast immer ohne nennenswerte Konsequenzen für die Übeltäter. Angefangen von Frankreich und Deutschland, die schon 2004 mit schlechtem Beispiel vorangegangen waren.

Staatliche Selbstfesselung
Schuld daran ist für die Autoren der sogenannte "Odysseus-Komplex". Darunter versteht Fuest die immanente Abneigung von Staaten, sich im Zweifelsfalle und wenn das politisch opportun erscheint, selbst zu fesseln wie einst Odysseus an den Mastbaum seines Schiffes, um den Versuchungen der Sirenen - heute in Gestalt immer neuer Staatsschulden - zu widerstehen. So wie Odysseus ohne Fesseln den Sirenen erlegen und untergegangen wäre, neigt der moderne Staat zu immer neuen Schulden, wenn er daran nicht nachhaltig gehindert wird. Wenig halten die Autoren von spektakulären Lösungen dieses Problems, die immer wieder diskutiert werden, wie etwa eine Rückkehr zu den alten nationalen Währungen, wie sie vor dem Euro existierten - oder der Gründung eines europäischen Bundesstaates, der die bisherigen Nationen weitgehend entmachtet.

Beides, argumentieren sie schlüssig, sei weder wünschenswert noch machbar. Deshalb fordern sie eine "pragmatische Lösung". Ihr Vorschlag: Die Staaten der Eurozone sollen sich nicht wie derzeit üblich durch die unbegrenzte Ausgabe von Staatsanleihen verschulden, sondern dies soll nur bis zum Erreichen bestimmter Verschuldungsgrenzen zulässig sein. Darüber hinaus gehende Staatsschulden sollen - rechtlich bindend - nur im Wege sogenannter Sünden-Anleihen erlaubt sein, die hohe Risiken für die Anleger darstellen und dementsprechend hoch verzinst sein müssen. Was eine Art natürliche Schuldenbremse darstellen würde. "Die derzeitige Subventionierung des Schuldenmachens durch Elemente der Solidarhaftung würde abgeschafft", meint Fuest. Wenn etwa Italien höhere Schulden machen will, könnte die Eurozone problemlos antworten: "Mach doch, wenn du jemanden findest, der dir das finanziert."

Kleines Problem des famosen Planes: Gerade jene Staaten, die notorisch zu hohe Schulden machen, werden sich mit Händen und Füßen gegen seine Umsetzung wehren. Sie wissen, warum.

SACHbuch

Der Odysseus-Komplex.
Ein pragmatischer Vorschlag zur Lösung der Eurokrise

Johannes Becker, Clemens Fuest Hanser, 285 Seiten, 24 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 16:30:09
Letzte nderung am 2017-03-21 14:03:07



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