• vom 25.03.2017, 10:30 Uhr

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Literatur

Beziehungsfrust und Fleischeslust




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Von Irene Prugger

  • Die Österreicherin Doris Knecht und die Schweizerin Simone Meier legen pointiert geschriebene Romane über Liebeskonflikte vor.



Irgendwie schneiden sich im neuen Roman der Schweizerin Simone Meier alle ins "Fleisch": Frauen entkommen mit einem letzten Kraftakt an Selbstbehauptung dem Messer des Schönheitschirurgen oder bieten, ohne dem Prostituiertengewerbe anzugehören, Sex für Geld; pubertierende Burschen ritzen sich die Oberarme, vordergründig angepasste Männer verstümmeln, bevor sie den eigenen Körper malträtieren, erst noch das Couchleder:

"Er stocherte mit der Spitze seines Papiermessers in der kaum sichtbaren Verletzung seines Sofakissens. So, jetzt war er wieder drei Zentimeter lang, jetzt konnte das hinterfotzige Sofa mal zusehen, ob es wieder gelingen würde, sich selbst zu heilen. (. . .) Er war überrascht, wie angenehm das war. Welchen Widerstand ihm das Leder bot, um schließlich nachzugeben. Es hatte definitiv etwas Sexuelles."

Information

Doris Knecht

Alles über Beziehungen

Roman. Rowohlt, Berlin 2017, 286 Seiten, 23,60 Euro.

Simone Meier
Fleisch
Roman. Kein & Aber, Zürich 2017, 255 Seiten, 22,60 Euro.

Ängste & Begierden

Meier schreibt pointiert, bitterbös-ironisch und erfrischend offen, jedoch kann man dem Klappentext nicht ganz zustimmen: "Ein lustvoller, lustiger Liebesroman über Menschen, die mit dem Jungsein und dem Älterwerden kämpfen." Die handelnden bzw. sich und ihre Möbel misshandelnden Personen kämpfen sich vielfach erschöpft und lustlos durchs Leben, was aufs Lesevergnügen zurückwirkt. Auch wird das Potenzial der Figuren nicht voll ausgeschöpft. Ihren Ängsten und Begierden ausgeliefert entlarven sie zwar prekäre Beziehungsmuster und widersprüchliche Sehnsüchte des modernen Menschen, weil Meier sich aber zu oft für die Pointe statt für den Tiefgang entscheidet und ihren Charakteren kaum stille Momente der Wahrhaftigkeit gönnt, bleiben sie letztlich unnahbar und in Klischees gefangen.



Anders bei Doris Knechts neuem Roman, aus dem man ebenfalls vieles, ja sogar (fast) "Alles über Beziehungen" erfährt. Bei ihrem Protagonisten namens Viktor weiß man gleich auf den ersten Seiten, mit welch aufgeplustertem Ego man es zu tun hat. Insofern ist sein Charakter ebenfalls ein Fleisch gewordenes Klischee, wie überhaupt die Figuren der beiden Romane gut ins jeweils andere Buch passen würden. Dass man Viktor trotzdem aufmerksam bis zur letzten Seite durch alle Liebschaften und Affären folgt, hängt mit Doris Knechts souveräner Erzählweise zusammen. Auch sie schreibt, wie Meier, flott, unterhaltsam und pointiert, erreicht mit ihrem Text allerdings mehr Spannung und psychologische Tiefe. Auch bei der Beschreibung redundanter Beziehungsmuster gelingt es Knecht, dem Banalen immer wieder interessante Aspekte abzugewinnen. Sie vertraut auf ihre genauen Beobachtungen, ihren Scharfsinn und auf den trockenen Witz ihrer Formulierungen, ohne die Pointen mit überspitzter Skurrilität erzwingen zu wollen.

Viktors biografische Eckdaten: Fünf Töchter von drei verschiedenen Frauen, glücklich liiert mit Magda, die noch auf einen Heiratsantrag wartet, und beruflich seit kurzem Intendant eines kleinen Theaterfestivals. Viktor ist erfolgreich - im Beruf und bei Frauen: "Viel zu viele Frauen und alle wollten etwas von ihm, auf irgendeine Weise." Aber das befreit ihn nicht von Selbstzweifeln, weshalb der Drang zur Selbstbestätigung zwanghaften Charakter annimmt.

Galgenhumor

Natürlich schlittert er kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag in eine Krise und natürlich versucht er, die Verantwortung dafür auszulagern: auf die Frauen und auf seine fast schon krankhafte "Hypersexualität", der er letztlich liebend gern willenlos ausgeliefert ist. Was ihn menschlich macht und vom Stereotypen zur Persönlichkeit formt: Insgeheim weiß er gut über seine Schwächen Bescheid, genau wie seine Frauen klug über ihre Situation zu reflektieren verstehen und trotzdem immerzu in dieselben Fallen tappen.

An dieser gekonnt vorgeführten Entlarvung unserer aufgeklärten, sich für liberal und tolerant haltenden Gesellschaft liegt es, dass sich beim Lesen ins unbeschwerte Schmunzeln immer wieder Schadenfreude und Galgenhumor mischen. Wenn es auch für Leserinnen und Leser, die sich erschüttert wiedererkennen, kein großer Trost sein mag, dass es - zumindest von außen betrachtet - sogar bei schwierigen oder unbefriedigenden Beziehungen etwas zum Lachen gibt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-23 17:21:36
Letzte nderung am 2017-03-23 18:05:35



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