• vom 01.04.2017, 14:00 Uhr

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Aufgeben ist keine Option




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Von Jeannette Villachica

  • Der deutsche Musiker, Komiker und Autor Heinz Strunk schickt seinen altbekannten, autobiografisch geprägten Antihelden Jürgen Dose diesmal durch ein Liebeslabyrinth.

Kreativer Tausendsassa: Heinz Strunk. - © Dennis Dirksen

Kreativer Tausendsassa: Heinz Strunk. © Dennis Dirksen

Theoretisch hat Jürgen Dose sein Leben wunderbar im Griff. Bei jeder Gelegenheit zitiert der blasse Mann mittleren Alters einen Merksatz aus den vielen Ratgebern, die er etwa zum Thema Tagesplanung, vor allem aber über die Beziehungen zwischen Mann und Frau gelesen hat. Mit der praktischen Umsetzung hapert es jedoch. Noch, denn Jürgen und sein alter, in der Liebe gleichsam unerfahrener Freund Bernd Würmer geben die Hoffnung nicht auf. Es muss sich doch eine Frau finden lassen, die irgendwas an ihnen findet (was das sein könnte, ist ihnen selbst ein Rätsel), und die zugleich ihren hohen Ansprüchen genügt. Misserfolge sind schnell abgehakt, schuld am Scheitern ihrer Annäherungsversuche sind stets die anderen, bzw. der andere im Zweiergespann. "Tja, das Leben ist schwer und man muss lernen, es zu meistern" (O-Ton Jürgen). Aufgeben ist jedenfalls keine Option. Also stürzen sie sich bald rührend beherzt in das nächste Abenteuer.

Kreativer Tausendsassa

Der Hamburger Musiker, Komiker und Autor Heinz Strunk, der eigentlich Mathias Halfpape heißt, ist mit seinem Roman "Jürgen" zu alten Bekannten zurückgekehrt: Jürgen Dose ist einer von Strunks autobiografisch geprägten Kunstfiguren, die in den Songs, Gedichten, Hörspielen, Theaterstücken, in der Kurzprosa und den Romanen des kreativen Tausendsassas immer wieder auftauchen.

Strunks zweites "offizielles" Album, "Trittschall im Kriechkeller" (2005), versammelte eine verrückte, genresprengende Mischung aus Kurztexten, Liedern und inszenierten Szenen "aus dem Leben des Jürgen Dose".



Letztes Jahr sagte Strunk in einem Interview, er wäre "mit seinem autobiografischen Fundus durch". Da war gerade sein Roman "Der goldene Handschuh" über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka im St. Pauli der 1970er Jahre erschienen. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse und die Auszeichnung mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2016 waren für ihn als Schriftsteller ein Ritterschlag. Die Jury des Raabe-Preises befand: "Heinz Strunk findet die sprachlichen Mittel, uns ein ebenso drastisches wie symptomatisches Kapitel aus der Geschichte der BRD-noir vor alle Sinne zu führen, ohne seine depravierten Figuren moralisch bloßzustellen."

Information

Heinz Strunk

Jürgen

Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, 192 Seiten, 20,60 Euro.

Bis dahin hatte ihm trotz des großen Erfolgs von "Fleisch ist mein Gemüse" (2004) und nachfolgender Romane, die alle stark von seinen eigenen tragikomischen Überlebensversuchen inspiriert waren, und trotz wachsender Anerkennung durch das Feuilleton, ein Blödelimage angehaftet.

Nun ist Jürgen Dose zurück. Er hat seine pflegebedürftige Mutter in seiner Wohnung im traditionellen Arbeiterviertel Hamburg-Harburg aufgenommen - dort, wo auch Heinz Strunk aufgewachsen ist - und arbeitet als Wachmann einer Tiefgarage. Die Strukturierung seines monotonen Alltags ist eine seiner größten Herausforderungen. Vor den vierzehn Monitoren sitzend, stellt Jürgen sich gerne einmal vor, wie er eine schöne Frau rettet, die sich in dem unterirdischen Labyrinth verirrt hat.

"Ich biete der Dame wahlweise heiße oder kalte Getränke an, fordere sie fürsorglich auf, eine Kleinigkeit zu essen, sich aufzuwärmen usw. Langsam trete ich aufs Gas und lenke das bis dahin rein praktische Gespräch unmerklich auf die Flirtebene." Dabei sollte Mann auf die Körpersprache achten. Denn Frauen "sagen auch häufig Dinge, die sie nicht meinen. Das hängt unter anderem mit ihrer ständig schwankenden Stimmungskurve zusammen, denn das ganze System Frau funktioniert nach dem Prinzip Hü / Hott."

Deftige Sprache

Strunk durchzieht die deftig-plastische Umgangssprache seiner Antihelden mit gestelzt klingenden Fremdwörtern und wissenschaftlichen Begriffen, was für zusätzliche Komik sorgt. Über die Psyche von Frauen und den richtigen Umgang mit ihnen kann Jürgen stundenlang räsonieren. Schade nur, dass sich seine Kontakte zu Frauen praktisch auf seine bettlägerige Mutter und deren ambulante Pflegerinnen beschränken. In seinen liebevollen Gesprächen mit der resoluten Mutter kommen allerdings auch unangenehme Kindheitserinnerungen hoch.

Dreißig Jahre später versucht Jürgen in allem etwas Positives zu sehen. Strunk erzählt das Leben von gescheiterten Existenzen anhand skurriler Anekdoten, tragikomischer Misserfolge und tieftrauriger Schicksalsschläge. Wie die meisten seiner Protagonisten ist Jürgen "ein ganz armer Willi", hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Auch bei der Frauenfrage lassen er und Bernie sich nicht unterkriegen.

Sporadische Dates übers Internet und ein Speed-Dating bringen nichts, also müssen schärfere Geschütze her. Bei einer Busfahrt mit der Firma "Eurolove" nach Breslau wird jedem Teilnehmer ein Rendezvous mit einer vorher ausgewählten Polin garantiert; jeder wisse ja, dass polnische Frauen ganz wild auf deutsche Männer seien. Natürlich läuft nichts wie geplant. Die Tour wird zum Horrortrip, bei dem sich vor allem die Leser amüsieren.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-30 16:36:11
Letzte nderung am 2017-03-30 17:09:18



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