• vom 19.04.2017, 15:28 Uhr

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Roman

Gott sei Dank nur Fiktion




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Von Mathias Ziegler

  • Andreas Pittler: "Die Spur der Ikonen" - was wäre, wenn die Wiener Mauer gebaut worden wäre?



Angenommen, die Streiks im Osten Österreichs im Herbst 1950 hätten zu einem erfolgreichen kommunistischen Putsch geführt.

Angenommen, es wäre in der Folge auch zu einer Teilung Österreichs in einen sowjetisch beeinflussten Osten und einen westlich orientierten Westen des Landes gekommen.

Angenommen, man hätte auch in Wien nach Berliner Vorbild eine Mauer als antifaschistischen Schutzwall hochgezogen.

In diesem angenommenen Szenario siedelt der Wiener Historiker und Schriftsteller Andreas Pittler die Handlung seines jüngst erschienenen Kriminalromanes "Die Spur der Ikonen" an.

Hauptakteur ist Peter Landsrait, seines Zeichens überzeugt linientreuer Hauptwachtmeister in der Volkspolizei der ÖDR. Eines Morgens im Sommer 1989 bekommt er es mit einem seltsam anmutenden Grenzübertritt zu tun: offensichtlich gelang es zwei Männern, unterirdisch in den realsozialistischen Teil Wiens zu gelangen. Bald wird klar, dass es sich hier um die Tätigkeit von Schmugglern handeln muss. So beginnt er mit seinen Ermittlungen, in die er seinen Vorgesetzten, Major Jäger, genauso einzubinden hat wie seine rangniederen Kollegen. Mit zu Gebote stehender politischer Korrektheit, die permanentes Absichern nach allen möglichen Seiten erfordert, gelingt es Landsrait, durch die Aussage eines Verhafteten einen vermuteten Drahtzieher zu fassen. Heikel nur, dass sich dieser als Doppelstaatsbürger ausgibt, mit gültigen Pässen sowohl aus der ÖDR als auch der BRÖ (als deren Hauptstadt Salzburg kurze Erwähnung findet).

Autor Andreas Pittler entwirft im folgenden ein Stimmungsbild, das beim Lesen einiges an Beklemmung aufkommen lässt; zu sehr gleichen seine Schilderungen jenen Berichten, die man aus der DDR über die Verhörmethoden von Volkspolizei und Staatssicherheitsdienst zugetragen bekam. Und wie aufs Stichwort ist auch mit einem Mal die Stasi mit diesem Fall befasst. Landsrait fühlt sich in seiner Zielstrebigkeit, den Fall aufzuklären, behindert, gleichermaßen gibt ihm aber der Umstand, weisungsgebunden agieren zu müssen, gewisse Sicherheit punkto Verantwortlichkeit.

Groß scheint auch die Verunsicherung innerhalb der Parteigänger zu sein. ÖDR-Bürger fliehen über Ungarn und Jugoslawien in den Westen, und die ÖDR-Regierung unter Staatsratsvorsitzendem Muhri (sic!) fürchtet ein Überschwappen der Welle. Landsrait aber lässt nicht locker, verbeißt sich trotz Gegenwinds in die Ermittlungen und bringt diese zu einem erfolgreichen Abschluss, nicht ohne dabei Überraschungen zu erleben. Ein spannender Roman, der Gott sei Dank auf reiner Fiktion beruht.

Andreas Pittler: Die Spur der Ikonen

Gmeiner-Verlag, 12,40 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-13 15:33:20
Letzte nderung am 2017-04-13 15:39:43



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