• vom 16.04.2017, 16:00 Uhr

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Literatur

Der existenzielle Schock




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Von Walter Klier

  • Claude Simons beeindruckende Kriegserzählung "Das Pferd".



Als Claude Simon 1985 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war sein französisches Vaterland geradezu beleidigt. Kein Mensch hatte seine Bücher gelesen. Dass er zur Moderichtung der 60er Jahre gezählt wurde, dem Nouveau Roman, half da auch nicht richtig weiter.

Unter uns Fans grassierte die Befürchtung, unser Lieblingsautor könnte endgültig von der Bildfläche verschwinden. Heute hat sich dieses Werk doch als ziemlich haltbar erwiesen. Neuerdings hat sich, für den deutschsprachigen Leser, der Berenberg Verlag seiner angenommen und publiziert kleinere Texte aus dem Nachlass. "Das Pferd", erstmals 1958 in der Zeitschrift "Les Lettres Nouvelles" erschienen, ist ein besonderer Glücksfall.

Information

Claude Simon

Das Pferd

Erzählung. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Berenberg, Berlin 2017, 80 Seiten, 22,22 Euro.

Die Erzählung entstand gerade zu jener Zeit, als Simon zu der ihm eigenen Methode fand, die mühsam sich vorantastende Arbeit des Erinnerns im Schreiben sichtbar zu machen. Hier hält er sich noch einigermaßen diesseits der Grenze des experimentellen Erzählens, fast, als habe er dieses Stück als Einstieg für das weitere Werk konzipiert, wo es teils etwas komplizierter zugeht.

"Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen. Man konnte überhaupt nichts sehen (. . .)." Wir befinden uns irgendwo im Norden Frankreichs, im Winter 1939/40, die Armee wartet auf den Krieg und vertreibt sich die Zeit mit aufreibenden Manövern. Dabei wird auch dann und wann ein Pferd zuschanden geritten. Wir befinden uns also in einer Vorstufe zu dem Roman "Die Straße in Flandern" (1960); der existenzielle Schock des militärischen Desasters von 1940 und des Überlebens als praktisch Einziger der ganzen Einheit wird auch durch Simons restliches Werk geistern, mehr noch: es markiert geradezu den Koordinaten-Nullpunkt seines Erzählens.

Claude Simon hat ein unverwechselbares, höchst persönliches Universum auf- und ausgebaut, ein Porträt seiner selbst und seiner Epoche, weitläufig, unübersichtlich und zugleich glasklar und sinnlich. "Der Schriftsteller ist ein wenig wie der Schiffbrüchige auf seiner Insel: Er schreibt auf ein Stück Papier, dass er da ist, dass er lebt, dass er sich an dem und dem Ort befindet."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-13 17:03:11
Letzte nderung am 2017-04-13 17:21:14



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