• vom 30.04.2017, 10:00 Uhr

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Offene Pforten und Herzen




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Von Andreas Wirthensohn

  • In ihrem neuen Roman, "Die große Heimkehr", beschäftigt sich Anna Kim mit komplexen Sachverhalten koreanischer Geschichte, vermag es aber nicht, eine geeignete Sprache dafür zu finden.

1977 in Südkorea geboren, in Deutschland und Wien aufgewachsen, nun in Berlin lebend: Anna Kim. - © Marko Lipus

1977 in Südkorea geboren, in Deutschland und Wien aufgewachsen, nun in Berlin lebend: Anna Kim. © Marko Lipus

Auf der koreanischen Halbinsel ist es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als hätte es das Jahr 1989 nicht gegeben - und der Kalte Krieg nie ein Ende gefunden. Entsprechend befremdlich wirken heute die Bilder von den Massenaufmärschen und Militärparaden in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang, von einem Staatschef Kim Jong-un, der in seiner maskenhaften Art und mit seinen wüsten Drohungen jedem James-Bond-Film als atomar bewaffneter Bösewicht zur Ehre gereichen würde. Korea ist so etwas wie das Pulverfass internationaler Politik, und ein Krieg dort hätte unabsehbare Folgen weit über Asien hinaus. Immerhin sind die Rollen in der öffentlichen Wahrnehmung klar verteilt: dort die bösen Stalinisten, über die noch immer China seine schützende Hand hält, hier die wirtschaftlich erfolgreichen Südkoreaner, die sich auf die militärische Hilfe der USA verlassen können.

Wer wissen will, wie es nach 1945 zu diesem Konflikt zwischen Nord und Süd kam, der im Koreakrieg 1950-1953 seine erste große Zuspitzung fand, erfährt im neuen Roman von Anna Kim viel Erhellendes. Die 1977 in Seoul geborene Kim kam als Zweijährige mit ihren Eltern (die Mutter Germanistin, der Vater hatte "Westliche Malerei" studiert) nach Deutschland und zog dann weiter nach Wien, wo sie bis vor kurzem lebte. Spätestens seit ihrem Zweitling, "Die gefrorene Spur" (2008), der den Jugoslawienkrieg thematisiert, zählt sie zu den bemerkenswertesten deutschsprachigen Autorinnen, die sich bevorzugt politischen Themen widmet.

Ihr Meisterstück lieferte sie 2012 mit "Anatomie einer Nacht", einem Roman über elf Selbstmörder in Grönland. In intensiver, dichter Sprache legte sie darin die Traumata und Wunden offen, welche die Kolonialvergangenheit ganz im Norden (wo die Dänen regierten) in der Gesellschaft hinterlassen hat.



Nach dem, was die Dampfwalze namens Geschichte mit den Menschen anstellt, fragt sie auch in ihrem neuen, bisher voluminösesten Buch. "Die große Heimkehr" bezeichnet dabei nicht etwa die Suche der Autorin nach ihren Wurzeln, sondern ein Projekt Nordkoreas, mit dem Anfang der 1960er Jahre Exilkoreaner in Japan zur Rückkehr bewegt werden sollten. Kim Il-sung, der Begründer der Demokratischen

Information

Anna Kim

Die große Heimkehr

Roman. Suhrkamp, Berlin 2017, 559 Seiten, 24,70 Euro.

Volksrepublik Korea, hatte verkündet, sein Land habe "Pforten und Herzen" für alle heimwehgeplagten Landsleute geöffnet und werde ihnen "Unterkunft, Arbeit und Ausbildung" bieten.

Dieses Projekt war Teil der Propagandaschlacht zweier Diktaturen, der kommunistischen im Norden und der paranoid antikommunistischen im Süden. Und so gut wie kein Koreaner konnte sich dieser erbitterten Auseinandersetzung entziehen.

Auch nicht Yunho Kang, der mit seinem Freund Johnny Kim und der geheimnisvollen Eve Moon zunächst in Südkorea und dann im japanischen Osaka mitten hinein gerät in diesen gar nicht so kalten Krieg. Eve, die eine Vorliebe für alles Amerikanische hat und am liebsten Billie Holiday hört, arbeitet als Informantin für die Schutzmacht, Johnny lebt wie ein Chamäleon in der Diktatur von Präsident Rhee, und Yunho sucht nach der Wahrheit, nur um herauszufinden, dass es die so gar nicht gibt.

Nach den blutig niedergeschlagenen Protesten gegen den Autokraten Rhee und sein brutales Regime fliehen die drei nach Japan und geben sich dort als Geschwister aus - eine neue Rolle, eine neue Identität in einem Leben, das so etwas wie einen wahren, unwandelbaren Kern gar nicht kennt und auch nicht zulässt. Schuld und Verrat, Liebe und Loyalität und die Frage nach der historischen Wahrheit - das sind die großen Themen, denen Anna Kim hier nachspürt.

Erzählt wird diese recht komplexe Geschichte vom alten Yunho Kang, der eines Tages einen Brief aus Richmond, Virginia erhält. Zufällig begegnet er einer nach Deutschland adoptierten jungen Koreanerin, die auf Spurensuche in ihrem Geburtsland weilt und ihm den Brief aus dem Englischen übersetzt. Darin wird mitgeteilt, Eve Moon sei gestorben, und ihr Tod wird zum Auslöser der Erinnerungen. Die junge Hanna (also die um ein H erweiterte Autorin) lauscht seiner Geschichte und schreibt sie auf.

Dieser Erzählrahmen ist leider ein wenig leicht gezimmert, denn ihm gelingt es nicht, die eigentliche Schwierigkeit des Romans zu meistern. Denn da beim Leser kaum Wissen über die koreanischen Geschehnisse der Jahre 1959/60 und ihre Vorgeschichte vorausgesetzt werden kann, muss Kim immer wieder ewig lange historische Ausführungen einbauen, die nur sehr notdürftig mit der Erzählung verbunden sind. Gleichzeitig bleiben dadurch die drei Hauptprotagonisten seltsam fremd und ungreifbar (was man noch als Absicht unterstellen könnte).

Problematisch aber wird das Ganze, weil Anna Kim keine wirkliche Sprache für diesen Roman findet. Die vergangenen Geschehnisse werden in einem locker-munteren Ton geschildert, der eher an ein Jugendbuch erinnert, während Yunhos Reflexionen recht poetisch geraten - und dazwischen immer wieder die nüchternen "Faktenvermittlungen" stehen. Anna Kim hat literarisch wieder viel gewagt - diesmal aber, leider, verloren.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-27 17:09:07
Letzte nderung am 2017-04-27 17:26:24



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