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Update: 08.05.2017, 07:59 Uhr

Sachbuch

Die Moschee, der politische Ort




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Von Judith Belfkih

  • Journalist Constantin Schreiber hat sich angehört, was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird.

Die ehitlik-Moschee in Berlin ist eine von dreizehn, die Constantin Schreiber für je ein Freitagsgebet besucht hat.

Die ehitlik-Moschee in Berlin ist eine von dreizehn, die Constantin Schreiber für je ein Freitagsgebet besucht hat.© reuters/Fabrizio Bensch Die ehitlik-Moschee in Berlin ist eine von dreizehn, die Constantin Schreiber für je ein Freitagsgebet besucht hat.© reuters/Fabrizio Bensch

Sie sind weit sichtbare prunkvolle Bauten mit Kuppel und Minarett, kaum auffindbar in zweiten Stiegen und Hinterhöfen versteckt, in ehemaligen Industriegebäuden untergebracht oder sie versehen ihren Dienst in einer von der Stadt temporär zur Verfügung gestellten Tropen-Park-Anlage. Wie vielschichtig Deutschlands Moscheenlandschaft ist, war die erste Erkenntnis, die der deutsche Journalist Constantin Schreiber hatte, als er sich vor genau einem Jahr auf die Recherche für sein Buch "Inside Islam" begab.

Sind Moscheen die oft heraufbeschworenen Brutstätten des politischen oder gar radikalen Islam? Oder reine Gebetsräume, in denen sich Gläubige vertrauensvoll an Gott wenden? Was predigen die Imame jeden Freitag und wer hört ihnen dabei zu? Mit diesen Fragen machte sich Schreiber, der selbst Arabisch spricht, auf den Weg. Schon die Suche nach Moscheen selbst gestaltete sich schwierig, die vorhandenen Listen sind weder aktuell noch zuverlässig, viel Gemeinschaften nicht einmal registriert.

Information

Sachbuch

Inside Islam

Constantin Schreiber

Econ, 256 Seiten, 18, 50 Euro

Prominent bis versteckt

So wählte Schreiber willkürlich aus, besuchte prominente Moschee, aber auch solche, die ihm von Freunden empfohlen wurden, und die er kaum fand - darunter arabische und türkische, sunnitische und schiitische. Immer dabei war ein Dolmetscher, der die Predigten übersetzte, immer suchte der Journalist das Gespräch mit dem Imam - oft ohne Erfolg. Und jedes Mal legte er den Text einem Wissenschafter vor, um die Botschaft oder Intention zu analysieren - auch in Bezug auf Geschehnisse der entsprechenden Woche.

Was er fand ist eine primär wertkonservative Welt, die moralischen Rückhalt anbietet. Was allen Häusern gemein war: Sie waren gut besucht, unter den Betenden fanden sich viele Jugendliche und junge Männer. Konkrete Aufrufe zu Gewalt hörte er keine, Brücken zum Leben in Deutschland wurden jedoch auch keine geschlagen. Wenn Europa in den Predigten auftauchte, dann als bedrohlicher Ort, vor dem zu warnen sei. Vor allem in den arabischen Moscheen boten die Ausführungen oft langatmige Exkurse in eine ferne Welt, diskutierten Problemstellungen eines vergangenen, idealisierten Nahen Ostens - etwa mit detaillierten Überlegungen zur Armensteuer in Bezug auf Datteln und Kamele.

Hier tauschten auch klassische Glaubensthemen auf wie der Sittenverfall und der Aufruf, allein Gott und der Religion zu dienen. Abgrenzung und die Bewahrung der muslimischen Identität beschreibt der Autor als Roten Faden der Texte. Ein Wissenschafter sieht in diesem Vorgehen eine Art Diaspora-Phänomen: "Man schließt die Reihen fest und grenzt sich nach außen ab." Kontraproduktiv in Sachen Integration waren die Predigten jedenfalls so gut wie alle.

Westliche Bedrohung

In einigen Moscheen thematisierten Imame ganz konkrete Bedrohungen der westlichen Umgebung für Muslime, riefen zur Missionierung auf. Sie warnten etwa vor dem starken Einfluss der westlichen Welt. "Sie gleicht einem gewaltigen Strom, der dich auflöst, dich auslöscht, dir deine werte nimmt und durch seine Werte ersetzt", hieß es da in einer gut versteckten Berliner Moschee. In einer anderen wurde vor Weihnachten gewarnt - als "die größte aller Gefahren", denn "wer einen anderen Stamm nachahmt, wird einer von ihnen", so das Argument.

"Moscheen sind politische Räume", resümiert Schreiber ernüchternd. Vor allem in der türkischen Gebetsräumen fand er auch politische Inhalte, ist hier von Heimat und Nation die Rede, ist definitiv nicht Deutschland gemeint. Die Moscheen bilden hier eine Art Nabelschnur zur alten Heimat, die Muslime davon abhalten soll in der neuen wirklich Fuß zu fassen. Dabei gerät mitunter die Staatsform Demokratie unter Beschuss, sie sein "lax" und "reaktionär".

Natürlich sind 13 Moscheen alles andere als repräsentativ. Die Mehrzahl der Muslime besucht sie nicht und hat einen Weg gefunden, muslimische Herkunft und ein Leben in Europa zu vereinen. Und doch zeigt Schreibers Bericht, dass es mehr oder weniger verborgene Problemfelder gibt, für die Politik sich nicht zuständig fühlt. Hier klare Regeln zu schaffen wäre eine Maßnahme für die Muslime in Europa - nicht gegen sie.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-07 17:09:05
Letzte nderung am 2017-05-08 07:59:36



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