• vom 14.05.2017, 14:00 Uhr

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Tapferkeit und Vergebung




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Von Irene Prugger

  • Chris Cleaves Roman "Die Liebe in diesen Zeiten".



"Eine Liebe in Zeiten des Krieges" war schon vergeben, vielleicht lautet der deutsche Titel von Chris Cleaves neuem Buch deshalb "Die Liebe in diesen Zeiten" (Original: "Everyone Brave is Forgiven"). Der britische Autor, dessen Bücher Unterhaltung mit Tiefgang verbinden und Bestsellererfolge feiern, erzählt in dem dreiteilig gegliederten Roman ("Bewahrung", Zermürbung", "Wiederherstellung") von einer Gruppe Menschen, die sich auf britischer Seite durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs kämpfen. Die einen, wie Alistair und seine Kameraden, als Soldaten an der Front; die anderen, wie Tom, im Verwaltungsdienst.

Information

Chris Cleave

Die Liebe in diesen Zeiten

Roman. Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg. dtv, München 2017, 485 Seiten, 17,40 Euro.

Die junge, abenteuerlustige Mary North, eine selbstbewusste Politikertochter, will ebenfalls ihren Beitrag zur Truppenunterstützung leisten und wird als Hilfslehrerin für aufs Land evakuierte Kinder eingesetzt. Wegen ihrer unkonventionellen Art erachtet man sie allerdings als nicht für diesen Dienst geeignet. Also bleibt Mary in London, wo sie sich bei Tom, der in der Schulbehörde arbeitet, darum bemüht, jene Außenseiterkinder unterrichten zu dürfen, die von den ländlichen Gastfamilien abgewiesen werden: Kinder mit Behinderungen, Kinder mit Lernschwäche und sogenannte "Negerkinder".

Mary verlobt sich mit Tom, doch dann lernt sie seinen Freund Alistair kennen, der auf Heimaturlaub von der Front zurückkehrt. Die entstehende Liebe wird durch den Krieg schnell wieder getrennt, beide müssen mit schrecklichen Ereignissen fertig werden, Alistair als Soldat, Mary als Rettungsfahrerin. Psychisch überleben sie nur durch Tapferkeit und die Stärke, vergeben zu können.

Wie in Cleaves früheren Romanen, zeichnen sich die Figuren auch hier durch große Eloquenz aus. So kann der Autor eine seiner schreiberischen Stärken ausspielen: pointierte Dialoge. Stellenweise wird es allerdings zu viel des Guten, denn es befremdet und ermüdet, wenn die Protagonisten selbst in schwierigen Situationen immer einen witzigen Spruch auf den Lippen haben. Ansonsten zeigt Cleave auch in diesem Roman sein gutes Gespür für Dramaturgie - und drückt sich auch nicht um drastische Szenen, mit denen er den Zynismus des Krieges beschreibt.

Im Nachwort erzählt Cleave, Vorbilder aus seiner Familie hätten ihn zu diesem Buch inspiriert, womit einem plötzlich noch interessantere Charaktere als die fiktiven Romanfiguren vor Augen stehen. Allerdings waren die Verwandten wohl wenig auskunftsfreudig - aus ihren Schilderungen ließ sich kein Roman fertigen:

"Keine meiner Großmütter ließ sich je dazu bewegen, über den Krieg zu sprechen, unsere Fragen taten sie mit einem Lächeln und einer Handbewegung ab. Als Kinder gewannen wir den Eindruck, dass der Krieg kurz, ungemütlich und kaum der Rede wert gewesen war - in etwa wie ein verregneter Campingurlaub."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-11 18:15:06
Letzte Änderung am 2017-05-11 18:36:20



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