• vom 28.05.2017, 09:00 Uhr

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Krieg der Rachegöttinnen




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Von Irene Prugger

  • Andrea Stift-Laubes neuer, mythologisch herausfordernder Roman "Die Stierin".



Die Protagonistin in Andrea Stift-Laubes neuem Roman ist nach der irischen Königin und Sagengestalt Medb bzw. Maeve benannt, die aus Machtgier einen magischen Stier raubte und einen Krieg entfachte. Obwohl dieser Mythos im Verlauf des Buches in Ansätzen erzählt wird, schadet es nicht, schon am Beginn ein wenig darüber Bescheid zu wissen. Dadurch lassen sich Irritationen ausräumen, etwa, dass Stift-Laubes Erzählung von einer missbrauchten und geschundenen Frau ausgerechnet in einem Käseladen spielt: Die kriegerische Königin Maeve wurde mit einem harten Stück Käse erschlagen.

Information

Andrea Stift-Laube

Die Stierin

Roman. Kremayr & Scheriau, Wien 2017, 174 Seiten, 19,90 Euro.

Die Käseverkäuferin und Ich-Erzählerin Maeve sehnt sich nach der Kraft und dem extremen Rachegeist dieser Königin, denn sie selbst ist in einem fatalen Beziehungsmuster gefangen: Nach dem Tod ihres brutalen ersten Mannes hat sie wieder den Falschen gewählt und gerät erneut in einen Kreislauf aus Erniedrigung und Gewalt. In nahezu traumwandlerischer Ergebenheit lässt sie die Demütigungen zu und sagt trotz schrecklicher Erfahrungen mit sadistischen Männern Sätze wie: "Es ist das erste Mal seit Langem, dass jemand freundlich zu mir ist, der kein Mann ist." Ist dieser Frau noch zu helfen?

Das fragen sich wohl auch die schwarz gekleideten, geheimnisvollen Frauengestalten, die als Kundinnen in den Laden kommen und mit "ächzenden Stimmen" sprechen. Sie heißen Bod, Morrigen und Macha und verweisen in ihrer obskuren Dreifaltigkeit auf weibliche Sagenschwestern, deren Namen mit Kampf und Sexualität verbunden sind.

Die drei zeigen sich höchst interessiert an all den Figuren, die Maeve aus hart gewordenem Käse schnitzt: eine kriegerische Armee mit zwei Stieren. Die Rache kündigt sich also an, die Frage ist nur noch, wie sie ausgeführt wird. Ein Chor aus Krähen verstärkt die düstere Stimmung, die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Eine ziemlich große literarische Herausforderung, die sich die junge steirische Autorin mit diesem Thema gewählt hat. Sie riskiert viel, schreibt kraftvoll und poetisch, auch entwickelt die Geschichte einen dramatischen Sog. Aber bei der Figurencharakteristik zeigen sich die Schwierigkeiten: Maeve wählt nicht nur die falschen Männer, sondern auch die falschen weiblichen Idole. Dass sie sich zuerst männlicher Dominanz und Gewaltbereitschaft anbiedert und dann erbarmungslos zuschlägt, macht es dem Leser schwer, mit ihr solidarisch zu sein.

Letztlich wird die brutale Art der Rache auch noch legitimiert: "Die Legende erzählt die Geschichte einer Frau, die alles wollte. Die Legende beschreibt eine Frau, die sich nicht scheute, sowohl ihren Körper als auch die Körper anderer Menschen einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Was die Legende ausspart: die Demütigung, die Vergewaltigung, die Kraft, sich daraus zu erheben".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 09:45:06
Letzte nderung am 2017-05-26 10:57:39



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