• vom 27.05.2017, 09:00 Uhr

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Archäologe des Alltags




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Von Ingeborg Waldinger

  • Der österreichische Schriftsteller Radek Knapp holt seinen Helden mit schalkhaft-abgründiger Komik aus dem Nichts ins Sein.

Ein echter Wiener? Radek Knapp, 1964 in Warschau geboren. - © www.corn.at/Deuticke Verlag

Ein echter Wiener? Radek Knapp, 1964 in Warschau geboren. © www.corn.at/Deuticke Verlag

Was macht einen Zuwanderer zum Wiener? Die Erprobung in so integrativen Jobs wie: Calafati im Prater, Zettelverteiler auf der Mariahilferstraße, Heizungszählerableser in Gemeindebauten, Würstelverkäufer? Oder ein Talent für den Wiener Dialekt und dessen schwarzhumorige Nuancen?

All dies trifft auf Walerian zu, und doch hat dieser gebürtige Pole seine Mühe mit dem Heimisch-Werden in der Wienerstadt. Er ist der Held von Radek Knapps autobiographisch grundierter Erzählung "Der Mann, der Luft zum Frühstück aß" - und ein (weiteres) Alter Ego seines schelmischen Schöpfers. Was es mit dem Titel auf sich hat, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Walerian wurde - wie der Autor selbst - nach Wien katapultiert wie in einen falschen Film. Die Mutter hatte ihn als Einjährigen bei den Warschauer Großeltern abgesetzt - und elf Jahre später abgeholt, um mit ihm nach Wien auszuwandern. "Entführung" nennt das Ich-Erzähler Walerian (der vorgibt, nach dem Beruhigungsmittel benannt zu sein, das seiner Mutter die Niederkunft erleichterte).



Der Verlust der geliebten Großeltern wie der Muttersprache bedingen nicht nur eine Verklärung der Kindheit, sondern auch Probleme in der Schule - und bizarre Absenzen: eine Art "Augenstarre", gegen die kein Kraut gewachsen scheint. Es folgen der Schulabbruch und der Hinauswurf aus der mütterlichen Wohnung. Doch Walerian jobbt sich durch - bis zum Heizungszählerableser. Bei dieser Arbeit, die übrigens schon den Handlungsrahmen von Knapps Roman "Der Gipfeldieb" (2015) bildete, gewinnt der junge Mann tiefe Einblicke in Wiener Existenzen und wird zu einer Art "Archäologe" des Alltags.

Information

Radek Knapp

Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

Erzählung. Deuticke, Wien 2017, 128 Seiten, 16,50 Euro.

Der Autor präsentiert sein Buch am Montag, 19. 6., um 19.00 Uhr in der Alten Schmiede, 1010 Wien, Schönlaterngasse 9, und am Freitag, 23. 6., um 17.00 Uhr im Rahmen des Lesefestivals "Rund um die Burg" im Zelt neben dem Burgtheater.

In der Erzählung "Der Mann, der Luft zum Frühstück aß", durchlebt der Zählerableser nun seine "Reparaturphase", man könnte es auch Reifungsprozess nennen. In selbstanalytischer Distanz rekapituliert er seine Nöte als blauäugiger Neuankömmling.

Als Knapp’sche Schöpfung schlägt er dabei freilich keinen Klageton an, sondern frönt dem ironischen Spiel mit interkulturellen Klischees (etwa: Pole ist gleich Autodieb) oder mit fremdsprachlichen Defiziten des Migranten, die so manche Irritation auslösen: etwa bei den Mitschülerinnen, denen Walerian anfangs nur zwei deutsche Sätze zueignen kann, die er aus polnischen Kriegsfilmserien kennt; einer davon lautet: "Mein Gewehr hat eine Ladehemmung". Später, als Hilfsarbeiter in einer Druckerei, ist seine Sprachkompetenz schon so weit gediehen, dass er die ihm geltende Rüge, "Das ist ein Holztischerl und kein Schragl", keineswegs nur objektbezogen deutet: in ihr offenbare sich sowohl das "delikate linguistische Gleichgewicht" der Belegschaft als auch, in einem universellen Verständnis, die Hackordnung der Gesellschaft. Eine wesentliche Erfahrung für diesen unfreiwilligen "Experten von Grenzen und ihren Überschreitungen", aus der er die Erkenntnis gewinnt: Hilf dir selbst. . .

Walerian macht sein Leben, wobei sich die Türen zur eigenen Wohnung, fixen Arbeit und ausbaufähigen Liebschaft weniger kraft seiner Anstrengung öffnen, sondern vielmehr dank glücklicher Fügung. Der Entwurzelte ist "angekommen" - und hat jenes bange Gefühl der Luft-Existenz, des "Fallens" überwunden, das ihn so nachhaltig gequält hatte.

Eine Knapp’sche Versuchsanordnung also über das Sein und das Nichts. Der existenzialistische Tiefsinn wird freilich wieder relativiert, ergibt er doch in Verbindung mit der schalkhaft-abgründigen Komik dieser Geschichte eine ganz spezielle Melange. Aber vielleicht macht ja gerade das Radek Knapp zu einem echten Wiener.






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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 09:51:09
Letzte nderung am 2017-05-26 11:02:59



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