• vom 05.06.2017, 12:00 Uhr

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Wenn das Schönste schon vorbei ist




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Arnold Stadler denkt in seinem Roman "Rauschzeit" über das Altwerden nach - und lässt seinen Helden in Erinnerungen schwelgen.

"Was ist Glück? Nachher weiß man es", erklärt Arnold Stadler in seinem neuen Roman. - © wikimedia commons

"Was ist Glück? Nachher weiß man es", erklärt Arnold Stadler in seinem neuen Roman. © wikimedia commons



Gleich die ersten Sätze offenbaren das Programm dieses Romans: "Was ist Glück? Nachher weiß man es." Auf diese ebenso simple wie trostlose Formel lässt sich ein Leben verkürzen. Arnold Stadler dient sie als Mantra einer Sehnsucht, die sich in der Vergangenheit auslebt.

In seinem neuen Roman mit dem vielversprechenden Titel "Rauschzeit" beäugt er einen Tag lang das Paar Alain und Mausi. Alain hält sich einer Konferenz wegen in Köln auf, Mausi bleibt zu Hause in Berlin. Abwechselnd kommen sie zu Wort. Er in Ich-Form, sie in Sie-Form. Beide sind sie um die 40 Jahre alt, was einem als Konstruktionsfehler erscheinen mag, wirken sie doch wie schon mit allen Wassern des Lebens gewaschene Fünzigjährige. Einerlei. Alain steht im Zentrum des Erzählten, im ausufernden Mittelteil darf er sich ganz in seinen Erinnerungen verlieren - und die Leser mit ihm.

Information

Arnold Stadler

Rauschzeit

Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, 547 Seiten, 26,80 Euro.

So liest sich der ganze Roman auch als Monolog dieses unbefriedigten Mannes, der angeregt gelehrt daherredet und dabei über Glaube, Liebe, Hoffnung räsoniert und reflektiert. Von der Roman-Jetztzeit des Jahres 2004 treibt es ihn immer wieder hinaus ins offene Meer der eigenen Erinnerung, wobei er dem Daseinszweck hinterher sinnt und die Liebe nach ihren Schwachstellen abtastet. Lieben sei ein "Tuwort", vergewissert sich der Erzähler immer wieder und nimmt das so wörtlich, dass ihm die eigene Erregbarkeit gar nicht selten den Erzählatem verschlägt.

Die eigene Erektion ist ihm dabei in jedem Fall näher als das Elend der Welt. Das wäre kaum auszuhalten, zumal über die Dauer von fast 500 Seiten, würde Stadler es nicht dazwischen immer wieder bestens verstehen, Kunst und Leben ineinander zu verflechten. Die vielen Wiederholungen gehören dabei zum Konzept des Lebens und dieses Romans. Die eigenen Erinnerungen sowie ihre Möglichkeiten und Fallstricke stehen dabei im Fokus. Sich erinnern und etwas vermissen sei eins, heißt es einmal.

Alain kommt dabei ins Gespräch mit seiner Vergangenheit und erweist sich darin als einer, der schon früh von sich selbst enttäuscht war. So ein Gefühl gibt sich nicht mit den Jahren; Alain bleibt sich treu, wie auch Stadler seinen Themen und Stimmungen treu bleibt: Das Katholische, die Schwermut, das Ausschweifende und das Heimatverliebte - sie alle finden sich in diesem Buch, das weniger ein Roman ist als eine in der Fiktion wurzelnde Lebensbeichte. Die Fehler des Lebens kommen Alain dabei hoch wie schlecht Verdautes, und es ist die ungeheure Kenntnis über die Schmerzen der Existenz und auch der Mut, diesen mit gehöriger Albernheit, starkem Wortwitz und vergnügter Sprachgenauigkeit zu begegnen, die einen für diesen launigen Erzähler einnehmen.

Das Alter und das Altwerden sind dabei das eigentliche Thema dieses Romans. Aufgekratzt elegisch gibt sich der Erzähler dem Blick zurück im Detail hin und seziert dabei die Scheinheiligkeiten des Daseins und der Jugend. Alt wären dann diejenigen, die schon wissen, dass das Schönste nicht mehr kommt. Da kann man schon nostalgisch werden. Als Autor und als Erzähler - und als Leser sowieso.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-01 18:18:16
Letzte nderung am 2017-06-01 18:37:47



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