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Update: 07.07.2017, 15:00 Uhr

Literatur

Digitales Grillenzirpen




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Von Katharina Wappel

  • Der deutsche Schriftsteller John von Düffel ersinnt eine Post-Facebook-Generation, die sich heillos in den Fängen der Virtual Reality verstrickt.

John von Düffels Romanjugend lässt sich willig von privaten Drohnen ausspionieren. - © Erika Tham/Getty Images

John von Düffels Romanjugend lässt sich willig von privaten Drohnen ausspionieren. © Erika Tham/Getty Images



Alles beginnt mit einer Grille, die im Klassenzimmer zirpt. Frau Höppner, die Lehrerin, nimmt das zum Anlass, den Schülern die Fabel "Die Grille und die Ameise" von Jean de La Fontaine näherzubringen. Darin bittet die Grille, die den ganzen Sommer über gesungen hat, die Ameise, die hingegen fleißig Futter gesammelt hat, um Nahrung für den nahenden Winter. Worauf die Ameise heuchlerisch nachfragt, was denn die Darbende zur Sommerzeit getrieben habe? Durch Singen die Menschen ergötzt, lautet die Antwort. Entrüstet über die Dreistigkeit der faulen Grille, meint die Ameise zynisch: Dann tanze nun doch weiter!

Der deutsche Dramaturg und Schriftsteller John von Düffel stellt diese Fabel seinem neuen Roman "Klassenbuch" voran, um sie in weiterer Folge immer wieder zu zitieren und sinnbildlich anklingen zu lassen.

Information

John von Düffel
Klassenbuch
Roman. Dumont, Köln 2017, 318 Seiten, 22,- Euro.

Lehrstück

Denn das kleine Lehrstück kann stellvertretend für die Jugend einer Post-Facebook-Generation gesehen werden: den Kopf fest im Hier und Jetzt verankert. Einer Jugend, die sich an den mit Kameras ausgestatteten privaten Drohnen, die sie ständig umgeben, nicht stört, im Gegenteil: In der persönlichen Timeline mit Videoaufzeichnung möge nur ja keine Leerstelle entstehen! Die kleineren Unannehmlichkeiten, die das mit sich bringt, nimmt sie dafür gerne in Kauf: "Erstens ist sie wirklich sehr, sehr klein. Und zweitens macht sie fast kein Geräusch, nicht mehr als der Flügelschlag einer Libelle oder ein leises, ganz entferntes Grillenzirpen."

Insofern lässt sich die Drohne auch nicht von jener vermeintlichen Grille, die sich seit Wochen im Klassenzimmer befindet, unterscheiden. Zumindest so lange nicht, bis ein Schüler versehentlich darauf tritt und damit ihren wahren Kern offenbart.

Dieses bunte Klassenzimmer voller Schüler wird in von Düffels Roman präsentiert, neun davon näher. Da ist etwa Beatrice, die sich regelmäßig mit Wodka volllaufen lässt, da ist Lenny, der sich als Hacker unbeliebt macht und doch bewundert wird, oder die übergewichtige Vanessa (Netzname Marilyn), die sich komplett in die unkörperliche Virtualität katapultiert, um sich aus der grausamen Realwelt auszuklinken.

Eine Welt, zu der implantierte Minisender im Ohr gehören, die das private Musikhören ermöglichen, allerdings auch zu Ohrenentzündungen führen können. Oder aber die Spracherkennungsfunktion am Handy, die sich bei jedem Gespräch meldet und korrigierend eingreift. Schließlich der Schüler, dessen Handy gehackt wird und dem dieses seither nicht mehr gehorcht, sondern ihn vielmehr mit Fake-Kommentaren und Pornos bestraft.

Ausmaß der Tragödie

Alles dreht sich um die Virtual Reality, die sich langsam aber sicher so weit in die Realität drängt, dass es den Schülern selbst zunehmend schwer fällt, einen Unterschied zwischen den beiden Welten auszumachen. Dennoch spielt jeder das Spiel mit, schließlich wurde diese Art des Lebens bereits zur Normalität erkoren. Nur gewisse Indizien, etwa die Alkoholabhängigkeit einer Schülerin, lassen das Ausmaß der Tragödie erkennen - freilich auch nur für die, die es erkennen wollen. Und dann verschwindet plötzlich Frau Höppner.

John von Düffel lässt verschiedene Bilder vor dem Auge des Lesers entstehen, die teils amüsant, teils aber auch erschreckend sind. Einerseits tragen sie zum Auflösen des Rätsels um das mysteriöse Verschwinden der Lehrerin bei, andererseits wirken sie auch nur stimmungsbildend. Insgesamt erscheint es allerdings so, als wären die vielen guten Ideen ganz einfach allzu schnell zu einem Werk zusammengebastelt worden. Viel wird nämlich nur in Ansätzen erzählt, sodass man am Ende des Romans doch mit dem Gefühl zurückbleibt, diese Gesellschaft der nahen Zukunft nur am Rande gestreift zu haben und nicht wirklich in sie eingetaucht zu sein.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-07 14:42:08
Letzte nderung am 2017-07-07 15:00:43



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