• vom 23.07.2017, 10:00 Uhr

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Großschriftsteller im Gespräch




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Von Hermann Schlösser

  • Bei Suhrkamp sind gesammelte Interviews des Schweizer Autors Max Frisch erschienen.

Intellektueller und Sprachkünstler: Max Frisch (1911-1991). - © Ullstein/ Digne Meller Marcovicz

Intellektueller und Sprachkünstler: Max Frisch (1911-1991). © Ullstein/ Digne Meller Marcovicz

Der Schweizer Dramatiker, Romancier und Essayist Max Frisch war ein öffentlichkeitsbewusster Autor. Er überließ die Wirkung seiner Arbeit durchaus nicht dem Wohlwollen der Literaturkritik oder der Willkür des Marktes. 1967, also vor 50 Jahren, entwarf er in der Rede "Öffentlichkeit als Partner" eine wechselseitig kritische Beziehung zwischen Gesellschaft und Autor: Beide Seiten können, so Frisch, Ansprüche aneinander geltend machen, müssen aber ebenso ihre jeweiligen Grenzen respektieren.

Ähnliche Gedanken hat Frisch in vielen Interviews für Presse, Funk und Fernsehen geäußert. Als renommierter Autor wurde er nicht nur von deutschsprachigen Medien befragt, sondern u.a. auch von amerikanischen und italienischen. 1985 erschien sogar ein (stark redigiertes) Interview mit ihm in der sowjetrussischen Zeitschrift "Literaturnaja Gazeta", die westlichen Autoren sonst selten einen Platz einräumte.

"7000 Jahre Affen"

Thomas Strässle hat 14 dieser langen Interviews kommentiert herausgegeben. Wie dessen Vorwort zu entnehmen ist, wurde Frisch nicht gerne interviewt. Aber er gestand der Öffentlichkeit das Recht auf Fragen zu und beantwortete sie in der Regel ausführlich und ernsthaft. Oft sprach er über aktuelle politische Ereignisse in der Schweiz und anderswo, wobei er klar Stellung bezog und zu ironischen Bosheiten neigte.



Im letzten Interview, das der Band enthält, wurde Frisch 1989 von der Schweizer "Sonntagszeitung" gefragt, wie er zur bevorstehenden 700-Jahr-Feier der Schweiz stehe. Er antwortete: "Die Affen gibt’s doch schon viel länger als uns. Machen wir doch lieber Gegenfeiern. 7000 Jahre Affen. In allen Zoos gibt es dann ein großes Fest."

Information

Max Frisch

Wie Sie mir auf den Leib rücken!

Interviews und Gespräche. Ausgewählt und herausgegeben von Thomas
Strässle. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 237 Seiten, 22,70 Euro.

Derartige Bemerkungen entsprechen Frischs Vorstellung von öffentlicher Wirksamkeit. In seiner Sicht hat ein Autor das Recht, die Gesellschaft, der er angehört, mit streitlustigen Meinungen zu provozieren - auch mit solchen, die man von ihm nicht unbedingt erwarten würde. In diesem Sinn hat der linksliberale Frisch zum Beispiel in seinen späten Jahren gegen die "Emanzenorthographie" des Binnen-I polemisiert.

Wichtiger ist jedoch, dass sich der engagierte Autor auch die Freiheit nahm, persönliche Obsessionen, Wünsche und Fantasien literarisch zu bearbeiten. Denn nicht das Politische war für ihn die eigentliche "Domäne der Literatur", sondern das Private: "Was die Soziologie nicht erfasst, was die Biologie nicht erfasst: das Einzelwesen, das Ich, nicht mein Ich, aber ein Ich . . ."

Allerdings darf nach Frisch der Schriftsteller nur dann in aller Öffentlichkeit von Privatangelegenheiten reden, wenn er seine Sache professionell gut macht. Wohlmeinende, aber künstlerisch mangelhafte Projekte fanden in den Augen dieses Profischreibers keine Gnade. In dem Satz "Erlaubt ist, was gelingt" hat er seinen Qualitätsanspruch pointiert ausgedrückt.

Nun stellt sich die Frage, wer die Maßstäbe setzt, nach denen etwas ge- oder misslingt. Frischs Antwort darauf ist eindeutig: Ob er politische Reden hielt oder in seinem Weltbestseller "Stiller" einen Mann beschrieb, der allen Rollenzwängen der Gesellschaft zu entkommen suchte - immer galt ihm der Erfolg als Qualitätsmaßstab. Nur was beim Publikum ankam, war gelungen.

Freilich waren ihm nicht nur Verkaufszahlen oder Preisverleihungen als Zeichen der Beachtung willkommen, sondern auch Kritik und Widerspruch. Lediglich die wohlwollend-desinteressierte Gleichgültigkeit, die der Literatur meist entgegengebracht wird, war für Frisch inakzeptabel. Er wollte wirken - und er hat gewirkt. Jahrzehntelang war er ein weltweit anerkannter Autor, dessen Romane von Ernst Bloch ebenso gelesen wurden wie von Henry Kissinger und von einer großen internationalen Leserschaft.

Grenzen der Offenheit

Frischs Autorität in Fragen der Literatur und der Politik wurde von keinem seiner Interviewer angezweifelt. Und wenn einmal einer allzu aufdringlich nach Dingen fragte, die der Autor nur in stilisierter literarischer Prosa preisgeben wollte, reagierte der Partner der Öffentlichkeit abweisend. 1981 versuchte der Großkritiker Fritz J. Raddatz mit gezielt indiskreten Fragen hinter die gut sitzende Maske des Großschriftstellers zu schauen. Frisch antwortete pikiert: "Wie Sie mir auf den Leib rücken!". Und als Raddatz insistierte, wurde Frisch unsachlich: "Langsam wird’s blöd." Aber auch diese Rüge ließ keinen Zweifel daran, dass hier jemand sprach, der die Kontrolle über seine Äußerungen niemals verlieren wollte.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-20 17:33:07
Letzte nderung am 2017-07-21 15:45:07



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