• vom 31.07.2017, 09:00 Uhr

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Jazz

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Von Alexander Kluy

  • Eine glänzende und begeisterte Ein- und Hinführung: Ted Gioias nun auch auf Deutsch erscheinendes Buch "Jazz hören - Jazz verstehen".

Einer der Erneuer des Jazz, der in Gioias Buch vorkommt: Kamasi Washington (Sax), hier bei einem Auftritt in Barcelona, Juli 2017. - © Xavi Torrent/Getty Images

Einer der Erneuer des Jazz, der in Gioias Buch vorkommt: Kamasi Washington (Sax), hier bei einem Auftritt in Barcelona, Juli 2017. © Xavi Torrent/Getty Images

Manchmal sagt das Motto, das ein Buchautor seinem Text voranstellt, bereits alles aus über das, was folgt. So auch im Fall des Satzes, den der US-Amerikaner Ted Gioia für sein jüngstes Buch, "Jazz hören - Jazz verstehen", ausgewählt hat - und dieser Satz steht sogar noch vor der eigentlichen Titelseite. Er stammt von Duke Ellington und lautet: "Listening is the most important thing in music", Gioias gesamtes Buch ist ein Plädoyer fürs Hören und Zuhören. Und zwar nicht in einem orthodox akademischen, musikwissenschaftlichen Sinne, sondern für ein Zuhören mit Leidenschaft - und aus Leidenschaft: Hingerissen und sich hinreißen lassen.

Dabei stellt Gioia gleich zu Beginn die Fragen, die viele, die mit der in sich so vielfältigen wie mittlerweile nahezu unüberschaubar auf- und unterteilten Jazzmusik konfrontiert werden, sich unablässig stellen: Wie kann eine Band Abend für Abend bei jedem Auftritt denselben Song ganz anders spielen? Wo ist das Epizentrum des Phänomens namens "Swing", ohne den Jazz schlechterdings nicht funktioniert? Wie lässt sich spontane Musik strukturiert in Sprache ausdrücken, diese Improvisationen, die scheinbar ohne Regeln und Strukturen im einen Augenblick entstehen und im nächsten verweht sind? Ja, was ist das eigentlich, "Jazz"? Darauf gab der Pianist Fats Waller einst die lakonische Antwort: "Wenn Sie diese Frage stellen müssen, lassen Sie lieber die Finger davon."



Information

Ted Gioia

Jazz hören - Jazz verstehen

Aus dem Englischen von Sven Hiemke. Henschel Verlag, Leipzig 2017, 208 Seiten, 25,70 Euro. (Ab 31. Juli)

Oder: Man sucht, um Jazz zu hören und ihn zu verstehen, Rat bei Ted Gioia. Der 59-jährige Journalist, Kritiker, ausgebildete Jazzpianist und Komponist, studierter Musikwissenschafter, Handbuch-Herausgeber und Hochschuldozent, der vor einigen Jahren mit www.jazz.com eine informative Website mit ins Leben rief und dort fast vier Jahre lang als Kolumnist und Blogger tätig war, ist ein fleißiger Publizist. Zehn Bücher hat er inzwischen über Jazz geschrieben, darunter "The History Of Jazz", "West Coast Jazz" und "The Jazz Standards". Jedes davon dürfte in gut sortierten Handbi-bliotheken von Jazz-Aficionados zu finden sein, in gelesenem Zustand, mit Eselsohren, Anmerkungen und Unterstreichungen.

Entspannter Ton

Dem Charakter der Reihe geschuldet, in der 2016 die amerikanische Originalausgabe erschien, kommt sein neuer Band auf gerade einmal 200 Seiten. Der Fließtext endet schon zehn Seiten früher. Er ist also gedrängt. Doch trotz dieser Umfangsbeschränkung gelingt es Gioia, einen erzählenden, gelegentlich sogar einen plaudernden, entspannten Ton anzuschlagen. In sieben informative Kapitel, jeweils gespickt mit schönen Hörempfehlungen, hat der Autor seine Darstellung aufgeteilt. Er setzt ein mit dem Geheimnis des Rhythmus und untersucht den Puls, den "Swing" also, Tempo und Temporeduktion.

Darauf folgt die Sektion "Im Inneren der Musik", in der er Phrasing erläutert, Tonhöhe, Klangfarbe, Dynamik, Persönlichkeit und Spontaneität. In "Die Struktur des Jazz" beugt er sich über Songformen und Kompositionsstrukturen. Vor allem hier überzeugt sein leichthändiger Zugang. Denn anhand mehrerer Standards von Jelly Roll Morton, Duke Ellington und Charlie Parker zeigt er die unterschiedliche, komplexe "Bauweise" von Kompositionen aus unterschiedlichen Phasen des Jazz auf.

Anschließend taucht er in die Historie ein, umreißt Entstehung und Aufkommen der Jazzmusik in New Orleans, ihre Verbreitung nach Chicago, Kansas City, New York und Kalifornien, die jeweils mit neuen Varianten und einem spezifischen Stil verbunden war.

Die Verquickung von Jazz mit dem Auftreten von Epidemien will dabei nicht ganz einleuchten; überzeugender wäre es wohl, auf die durch Armut, Rassismus und Wirtschaftskrisen ausgelösten Wellen binnenamerikanischer Migration zu verweisen, in deren Zuge auch der Blues aus dem tiefen Süden in den Norden kam, sich dort elektrifizierte und via Rhythm And Blues zum Rock ‚n‘ Roll wandelte.

Anschließend widmet sich Gioia naheliegenderweise der Entwicklung der Jazzstile: vom New-Orleans-Jazz und Harlem Stride über Bebop und Fusion zum postmodernen Neoklassizismus und der Synthese von Jazz, World Music und Musiktradition beim Münchner Label ECM. Den aktuellen Stilpluralismus jüngerer und jüngster Musikerinnen und Musiker, die auch Elektronik integrieren, Rap, Hip-Hop oder höchst ungewöhnliche Instrumentierungen ersinnen, wie etwa Kamasi Washington 2015 auf seinem Album "The Epic" - sein Tentett verstärkte er um ein 32-köpfiges Orchester und einen 20-köpfigen Chor -, würdigt Gioia nach einer Porträtreihe der wichtigsten Jazz-Neuerer in einer Auswahlliste 150 aufstrebende Talente von Abbasi, Rez bis Zenón, Miguel. Überaus nützlich ist das ausführliche Namens-, Stichwort- und Plattenregister, in dem dankenswerterweise auch Querverweise aufgelistet sind.

Der in Nordkalifornien lebende Ted Gioia dürfte einer der ganz wenigen sein, die ohne jedes Problem und frei von jeder hartleibigen Ablehnung sich gleichermaßen für New-Orleans-Jazz begeistern wie für Fusion; die Johnny Hodges’ sensible Interpretation von Ellingtons "Come Sunday" 1943 ebenso sehr schätzen wie Ornette Colemans wildes Harmolodic-Album "Skies Of America" von 1972. Er schreibt mit Witz, Verve, Leichtigkeit, viel Gelehrtheit und mit ansteckendem Enthusiasmus.

Brubecks "Mitarbeiter"

Auf Deutsch klingt vor allem letzterer gelegentlich eine Spur zu pathetisch. Auch das direkte Ansprechen des Publikums ist gewöhnungsbedürftig. Seine Leidenschaftlichkeit mutet im Original geschmeidiger an, denn Sven Hiemkes Übersetzung ist hie und da etwas eckig. Den "Nachtclub" mag man ja noch hinnehmen, weil damit der Nightclub gemeint ist. Aber dass der lyrische Tenorsaxofonist Paul Desmond "Mitarbeiter" Dave Brubecks gewesen sein soll, gibt ein schlichtweg falsches Bild von Desmonds Rolle innerhalb des Dave Brubeck Quartet.

Ted Gioia zeigt mit seinem Buch vor allem eines: Jazz kann viral sein. Wer sich von diesem klugen Plädoyer für Jazz nicht anstecken lässt, der wird für diese Musik wohl nie entflammen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-28 15:03:08
Letzte nderung am 2017-07-28 15:32:16



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