• vom 06.08.2017, 14:00 Uhr

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Die Zeit,das reißende Tier




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Von Oliver vom Hove

  • Der deutsche Philosoph Hans Blumenberg untersucht in seinen frühen Literaturkritiken insbesondere das Problem der Infragestellung westlicher Werte von außen.



Die Zeit, das "reine Medium des Tragischen" (Hans Blumenberg).

Die Zeit, das "reine Medium des Tragischen" (Hans Blumenberg).© Wikimedia Die Zeit, das "reine Medium des Tragischen" (Hans Blumenberg).© Wikimedia

Schemenhaft und unzugänglich erscheint auch noch zwanzig Jahre nach seinem Tod die Gestalt des Philosophen Hans Blumenberg. Zeit seines Lebens war er der große Einzelgänger unter den deutschen Denkern. Als Hermeneutiker ein ungemein fruchtbarer Thesenentwickler und Anreger, suchte er sich als Person stets entschieden hinter seinem Werk zu verstecken. Einen "Meister des Rückzugs" hat man ihn genannt - bezeichnend, dass es von ihm kaum Fotografien gibt, weshalb sein Konterfei immer wieder in denselben alterslosen Bildporträts gezeigt werden muss.

Dieser Hang, eher aus dem Verborgenen zu agieren, rührte wohl aus dem traumatischen Jugenderlebnis des 1920 geborenen Sohns einer jüdischen Mutter her, der in der Nazi-Zeit etliche Demütigungen erleiden und sich zuletzt bei der Familie seiner späteren Frau versteckt halten musste. Dort hatte er viel Zeit, sich in Bücher zu vertiefen - der lebenslange Lesehunger des Gelehrten dürfte damals geweckt worden sein.

Themen der Nachkriegszeit

Blumenberg suchte in der Literatur, man merkt es bald, die Erweiterung der eigenen Erlebniswelt und die daraus gewonnene tiefere Erkenntnis für die eigene Zeitgenossenschaft. So wenig wollte er davon persönlich preisgeben, dass der junge Kritiker, der ab 1950 bereits habilitierter Privatdozent war, seine Zeitungsartikel lange nur unter dem Pseudonym Axel Colly veröffentlichte. Erst ab Mitte der fünfziger Jahre erschienen die größeren Essays, etwa über William Faulkner oder Ernest Hemingway, unter seinem eigenen Namen, nun meist in der katholischen Monatszeitschrift "Hochland".



In einer jetzt aus dem Nachlass herausgegebenen Auswahl an teils publizierten, teils noch unveröffentlichten Literaturkritiken, Vorträgen und Essays lassen sich in verblüffender Deutlichkeit und Konsequenz die in der Nachkriegszeit vorherrschenden Themen und Blumenbergs großräumige Auseinandersetzung damit ablesen.

Information

Hans Blumenberg

Schriften zur Literatur 1945-1958

Hrsg. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler. Suhrkamp, Berlin 2017, 371 Seiten, 27,99 Euro.

Wohlstandsrausch und Selbstverlorenheit haben längst dazu geführt, dass dem Menschen von heute das Gefühl für das Tragische fast völlig abhanden gekommen ist. Nach dem Krieg, als der angehende Philosoph Hans Blumenberg begann, sich kritisch mit der Literatur auseinanderzusetzen, war der Hunger nach der Gestaltung von Tragik und tragischen Konflikten geradezu übermächtig.

Am Beispiel des längst fast vergessenen amerikanischen Epikers Thomas Wolfe schreibt Blumenberg unter dem Titel "Rebell gegen die Endlichkeit", es sei "vielleicht das Fazit, das uns sein Werk zu ziehen übrig lässt, dass die Essenz dieses Lebens und dieser Dichtung tragisch ist, tragisch in einer Dimension des Konflikts, die nur dem Riesen, dem Faust noch zugänglich ist, dort, wo der Mensch mit dem Sein selbst, der Endliche mit dem Unendlichen im Streite liegt. Diesem Streit entspringt die Zeit als das reine Medium des Tragischen." Und er fügt, wie im dramatischen Rückblick auf das eigene Erlebnis des Kronos, der nicht nur im Mythos seine eigenen Kinder vernichtet, hinzu: "Die Zeit ist nicht der Behälter der Dinge und Erlebnisse, sie ist ein reißendes Tier, ein gieriger Abgrund, sie ist das einzig Wirkliche, das bleibt, indem es alles andere verschlingt."

Blumenberg untersucht "Das Problem des Nihilismus" nicht nur als Zeitphänomen, sondern vor allem - als ehemaliger Aspirant für das Studium der katholischen Theologie - als Zeichen einer tief gegründeten Sinnflucht. Dabei lässt er sich auch auf damals vielbeachtete Nachkriegsautoren wie Hermann Kasack oder Elisabeth Langgässer ein und stellt fest: "Das Sein ist von Transzendenz-Abgründen zerrissen, nicht nur in den fernsten metaphysischen Bereichen, sondern schon im Nächsten und Alltäglichsten, im Abgeschnittensein des Verstehens von Mensch zu Mensch."

Blumenberg schreibt als Rezensent über Dostojewski und Claudel, Marcel Proust und Paul Valéry, Evelyn Waugh und Graham Green, Chesterton, Henry Green und andere. Enttäuscht ist er vom sterilen Ästhetizismus des späten Ernst Jünger, dessen "Auf den Marmorklippen" er einst als NS-Verfolgter mit glühenden Ohren als Widerstandsbuch gelesen hat.

Am stärksten ist er von Kafka angezogen. "Hier ist eine Welt beschrieben, die dem Menschen wesenhaft eine Fremde ist", schreibt er. "Kafkas Gestalten sind so einsam, dass ein anderer in ihre innere Wesentlichkeit gar nicht vordringen kann". Der Realismus des Prager Autors beendet für ihn das "Faustische" als Topos des "Selbstverständnisses der Aufklärung": "Die Welt Kafkas dagegen weist die Vorstöße der Aufklärung zurück. (. . .) Der Mensch Kafkas ist der Mensch, der sich nur selbst gewinnt in der Unterwerfung, im Verzicht auf den faustischen Anspruch."

Das ist zweifellos auch gegen Spengler ausgespielt, ohne dass der Name fällt. "Aber", so fragt der einst vom NS-Totalitarismus Verfolgte weiter: "Ist das nicht gerade die Haltung, deren Gefährdung durch Tyrannei und Diktatur, durch absolute Unfreiheit uns mehr als fragwürdig erscheint?"


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-03 16:03:16
Letzte nderung am 2017-08-03 16:17:27



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