• vom 05.08.2017, 09:30 Uhr

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Die Wahrheit der Kunst




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Von Andreas Wirthensohn

  • Der österreichische Schriftsteller und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer erzählt - aus der unverbürgten Sicht eines Kindes - Geschichten aus den letzten Kriegstagen 1945.

Paulus Hochgatterer, 1961 in Amstetten geboren, ist vielfach ausgezeichneter Autor und Kinderpsychiater. - © Robert Wimmer

Paulus Hochgatterer, 1961 in Amstetten geboren, ist vielfach ausgezeichneter Autor und Kinderpsychiater. © Robert Wimmer

Es sind die letzten Kriegstage Ende März, Anfang April 1945. Ein paar fanatische Wehrmachtsangehörige träumen noch vom großen Aufstand des deutschen Volkes und dem "Endsieg", doch die meisten Menschen wissen: Bald ist er vorbei, dieser elende Krieg. Fast täglich ist das Dröhnen der britischen und amerikanischen Bomber zu hören, die auf dem Weg nach Linz oder St. Valentin sind, um ihre tödliche Last über den Hermann-Göring-Werken oder den Nibelungenwerken abzuladen.

"Glückliches Ende"

Auch die Familie Deinhardt ist bei einem dieser Angriffe in der Werkssiedlung umgekommen, nur die dreizehn Jahre alte Nelli hat überlebt und ist bis auf weiteres bei den Leithners untergekommen, einer Bauernfamilie mit fünf Töchtern irgendwo im Mostviertel. Der einzige Sohn Leo ist im Krieg, er wird nicht wiederkommen, aber das weiß bisher nur Laurenz, der Bruder des Bauern, der als Helfer auf dem Hof arbeitet.

Eines Tages taucht plötzlich noch ein russischer Kriegsgefangener auf dem Hof auf, der ein Bild aus Hermann Görings Kunstsammlung im Gepäck hat; er sollte diese wertvolle Sammlung aus Carinhall, dem Anwesen der Reichsfeldmarschalls, nach Mauterndorf bei Salzburg begleiten. Unterwegs floh er, mitsamt - so zumindest deutet es der Text an - Franz Marcs "Der Turm der blauen Pferde", einem Gemälde, das tatsächlich bis heute als verschollen gilt. Als sich dann auch noch ein Leutnant und zwei Gefreite der Wehrmacht überraschend bei den Leithners einquartieren, droht eine Eskalation, doch alles nimmt ein "glückliches Ende".



Oder doch nicht? Denn wie so oft bei Paulus Hochgatterer wird uns das Geschehene aus der Sicht eines Kindes erzählt. Und dieses Kind, in dem Fall Nelli, ist der Inbegriff dessen, was man als "unzuverlässigen Erzähler" bezeichnet. Antonia, die mittlere der fünf Schwestern, sagt über sie: "Einen Dachschaden hat sie, sie weiß gar nichts, und wenn sie etwas weiß, lügt sie." Nelli selbst glaubt, in ihrem Kopf sei "alles weggebombt", und spricht fortwährend davon, sie könnte dieses oder jenes erzählen, tut es dann aber nicht.

Information

Paulus Hochgatterer

Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Erzählung. Deuticke, Wien 2017, 111 Seiten, 18,50 Euro.

Hinweise:

Der Autor liest aus seiner Erzählung im Rahmen der Veranstaltung "O-Töne" am Donnerstag, 10. August, um 20.00 Uhr im Haupthof des Museumsquartiers, Museumsplatz 1, 1070 Wien.

Auch das "Literarische Quartett" wird Paulus Hochgatterers neues Buch besprechen: Freitag, 11. August, 23.00 Uhr, ZDF.



Sprich: Alles, was uns hier präsentiert wird, ist mit Vorsicht zu genießen. Das gilt ganz besonders für die vier "Geschichten", die in diese Erzählung eingebettet sind und nur zum Teil mit dem
Leithner-Hof zu tun haben.

Diese Geschichten schildern allesamt Ereignisse aus den letzten Kriegstagen, die "am ehesten" hätten schlimm ausgehen müssen, es aber dann doch nicht taten. Es sind Geschichten von wundersamen Errettungen vor dem sicher geglaubten Tod: der Sohn der Nachbarin, der zu ertrinken droht, ein abgeschossener amerikanischer Pilot, der von der Menge gelyncht werden soll, der Kriegsgefangene Michail, den der Leutnant erschießen will. "So wäre es am ehesten gewesen", lautet eine Formel in den Geschichten, und das, was am ehesten hätte eintreten müssen, ist der gewaltsame Tod.

Ausnahmezustand

Doch das Kind ertrinkt nicht, der Amerikaner wird nicht aufgehängt, Michail nicht erschossen. Nur die letzte Geschichte verfällt nicht in den Konjunktiv, doch diesmal hat der Tod sein Gutes, denn er trifft den Wehrmachtsleutnant und sorgt für ein "glückliches Ende".

Paulus Hochgatterer, der als Schriftsteller und Kinderpsychiater tätig ist, ähnelt ein wenig Michael Köhlmeier: Beide sind dann am besten, wenn sie sich an der kurzen Form versuchen, der Novelle oder der Erzählung. Seinem neuesten Werk hat Hochgatterer ein Zitat des italienischen Philosophen Giorgio Agamben vorangestellt, in dem der "Ausnahmezustand" als "Zone der Anomie" definiert wird, in der alle rechtlichen Bestimmungen außer Kraft gesetzt sind.

So gesehen erscheint nicht nur das erzählte Geschehen als "Ausnahmezustand", sondern die Erzählung selbst wird zu einer Zone der Anomie, in der die normalen Gesetze der Wahrscheinlichkeit nicht mehr gelten.

Kraft ihres Erzählens führt Nelli die Geschichten, die der anderen, aber auch die eigene, zu einem "glücklichen Ende". Ob sie wirklich so endeten, bleibt allerdings in der Schwebe, wie so vieles in dieser kunstvollen Erzählung. Aber die Wahrheit der Kunst ist stärker als die Wirklichkeit: Ihr "nicht" ist ein Einspruch gegen den Tod, gegen das, was eigentlich hätte geschehen müssen. Paulus Hochgatterers Erzählung, in der kein Satz zu viel steht, demonstriert diese metaphysische Dimension der Literatur auf eindringliche Weise.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-03 16:06:08
Letzte nderung am 2017-08-03 16:21:57



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