• vom 06.08.2017, 14:30 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Rockmusik und Dissidenz




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Uwe Schütte

  • Der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig macht eine Ost-Berliner Indierockband zu Helden seiner neuen Wende-Satire.

Erzählt von der Kraft der Kunst - und mit wunderbarer Beiläufigkeit vom Fall der Berliner Mauer: Thomas Brussig.

Erzählt von der Kraft der Kunst - und mit wunderbarer Beiläufigkeit vom Fall der Berliner Mauer: Thomas Brussig.© Ullsteinbild - snapshot-photograpy / Tobias Seeliger Erzählt von der Kraft der Kunst - und mit wunderbarer Beiläufigkeit vom Fall der Berliner Mauer: Thomas Brussig.© Ullsteinbild - snapshot-photograpy / Tobias Seeliger

Seit seinem Durchbruch mit "Helden wie wir" (1995) und dem großen Erfolg von "Am hinteren Ende der Sonnenallee" (1999) ist Thomas Brussig auf den satiri-schen deutsch-deutschen Wenderoman abonniert, auch wenn er zwischenzeitlich immer wieder versucht hat, mit dieser Erwartung zu brechen. Sein neuer Roman, "Beste Aussichten" betitelt, spielt wieder auf vertrautem Territorium, nämlich dem Ost-Berlin zur Zeit des Mauerfalls. Allerdings greift das Buch geografisch aus, nämlich bis nach New York, wo eine gescheiterte Ost-Berliner Indierockband den Auftritt ihres Lebens absolviert.

Doch wir wollen nicht unnötig vorgreifen: Die Geschichte beginnt in der Endphase der DDR; der Staatsapparat ist noch intakt, verliert aber bereits die Verfü-gungsgewalt über seine Bürger. Dass in den Kellern der Wohnbauten eine Art Nachtseite zur taghellen Wirklichkeit des real existierenden Sozialismus existierte, wissen wir bereits dank Wolfgang Hilbigs genial-surrealem Roman ",Ich‘" (1993).


Widrige Zeitumstände
Auch Brussigs Held stößt in einem Keller auf etwas Ungeheuerliches - eine absonderliche Band, die großartige Musik macht. Ihr Name: Die Seuche. Zufällig zum Zuhörer geworden, requiriert die Gruppe ihn umstandslos als ihren Manager und verpasst ihm, in Anlehnung an den Beatles-Manager Brian Epstein, den Spitznamen Äppstiehn.



Daran lässt sich schon das selbstgesetzte Ziel ablesen: nämlich ebenso erfolgreich zu werden wie die Fab Four. Der Erzähler lässt keinen Zweifel daran, dass die Gruppe das Potenzial dazu hat, wären da nicht die widrigen Zeitumstände, die es der Band unmöglich machen, ohne staatliche Erlaubnis öffentlich aufzutreten. "Rockmusik ist richtig Arbeit", bemerkt Äppstiehn, "Man glaubt, die Energie kommt aus den Lautsprechern und Verstärkern. Aber das stimmt nicht. Die Energie kommt aus den Menschen und ihrer Wut."

Drei lange Kapitel hat der Roman: Endphase der DDR, Wendezeit, Wiedervereinigung. Dass der erste Teil der beste ist, liegt daran, dass es Brussig darin gelingt, begreiflich zu machen, wie Rockmusik als künstlerischer Ausdruck von Dissidenz funktioniert. Oder er beschreibt, wie die Musik erst durch Gruppendynamik zu einem befreienden Ganzen wird, das die Beschränkungen der individuellen Musiker transzendiert, indem sie "zu einem Wesen namens Die Seuche zusammenwachsen, einem Wesen, das fünf Köpfe, zehn Arme und fünfzig Finger hat, das atmet, faucht, Musik macht und singt".

Ihre Stücke und ihr Zusammenspiel unter schwierigen Bedingungen perfektionierend, bringt der von Brussig mit wunderbarer Beiläufigkeit erzählte Fall der Mauer die einmalige Gelegenheit, mit einem Hit zur Wiedervereinigung den großen Durchbruch zu schaffen. Doch daraus wird nichts - und Die Seche löst sich auf.

Seitengeschichte
In einer famosen Seitengeschichte berichtet der Erzähler, wie er durch illegale Autogeschäfte das Konto der Band zu füllen versucht: Prager Botschaftsflüchtlingen kauft er deren nicht mehr benötigte Fahrzeuge für ein Spottgeld ab und verscherbelt diese dann mit ordentlich Reibach wieder.

Am Ende landet Äppstiehn dann zwar fast im Gefängnis, doch der erkleckliche Gewinn aus seinen Geschäften erlaubt ihm, die nach Auflösung der Band verstreuten Mitglieder wieder zusammenzurufen, um ihnen eine Reise nach New York zu bezahlen. Dort gelingt es ihm, ihnen durch allerhand Zufälle ein Konzert in einem berühmten Rockschuppen zu buchen - es wird zu einem Triumph.

Man könnte diesem Roman freilich manches vorwerfen: mangelnder Fokus, diffuser Plot und eine zu geringe Frequenz an humorvollen Szenen. Ein Meisterwerk ist das Buch nicht. Aber wer sich für Musik interessiert, kommt daran ebenso wenig vorbei wie alle Fans von Thomas Brussigs Wendesatiren.

Thomas Brussig

Beste Aussichten

Roman. S. Fischer, Frankfurt 2017, 192 Seiten, 18,50 Euro.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-03 16:21:08



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vor uns der "Draghi-Crash"?
  2. Psychogramm eines Verbrechers
  3. Einsteins Irrtum neu aufgerollt
Meistkommentiert
  1. Der erfüllte Augenblick
  2. "Unvorstellbar, dass man sich widersetzt"
  3. Psychogramm eines Verbrechers

Werbung




Werbung