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Der erfüllte Augenblick




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Von Otto A. Böhmer

  • Adolf Muschg, der Schweizer Altmeister der Erzählkunst, verwebt Goethes Gotthard-Abenteuer klug und bewegend mit Impressionen seiner eigenen späten Krankheitsgeschichte.

War 2015 der Eröffnungsredner bei der BuchWien: Adolf Muschg.

War 2015 der Eröffnungsredner bei der BuchWien: Adolf Muschg.© apa/Georg Hochmuth War 2015 der Eröffnungsredner bei der BuchWien: Adolf Muschg.© apa/Georg Hochmuth

Johann Wolfgang Goethe, der Deutschen berühmtester Dichter, war ein schicksalsgläubiger Mensch. Er war dies nicht als Fatalist, der ergeben darauf wartet, dass sich über seinem Kopf etwas zusammenbraut, sondern als Mann der Tat, der davon überzeugt ist, dass es höhere Fügungen gibt, die man erkennen und zu seinen Gunsten nutzen kann.

Goethe hat sich selbst denn auch als Begünstigten gesehen; in seinem letzten Brief, den er am 17. März 1832 diktiert, benennt er die Regel, die sich daraus ableiten lässt: "(. . .) Je früher der Mensch gewahr wird, dass es ein Handwerk, (. . .) eine Kunst gibt, die ihm zur geregelten Steigerung seiner natürlichen Anlagen verhelfen, desto glücklicher ist er; was er auch von außen empfange, schadet seiner eingebornen Individualität nichts. Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles zuzueignen weiß, ohne dass es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag tue (. . .)."

Von einer Prüfung, die hoch hinauf führte und sich, im Nachhinein, als Genieschulung der besonderen Art deuten ließ, erzählt Adolf Muschgs Buch "Der weiße Freitag". Im November 1779 erfüllt sich der damals 30-jährige Goethe einen Traum; er steigt, zusammen mit Herzog Carl August, seinem acht Jahre jüngeren Weimarer Dienstherrn, zum Gotthard auf, einem Berg, der es ihm schon länger angetan hat. Die Unternehmung ist, damals wie heute, kein Kinderspiel, schon gar nicht im Winter; kein Wunder also, dass der von Goethe selbst so genannte "weiße Freitag" zu einem Abenteuer wird, das durchweg prekär anmutet: "Bei Goethe liegt, wie in der großen Kunst, beides untrennbar beieinander: der Schauder und die Erhebung, und die Alpen waren ihm die sicht- und greifbare Erscheinung dieser Ambivalenz, die auch seine eigene war. Der Schlüssel aber, der sie lösen kann, ist nicht Zeitgewinn, sondern der erfüllte Augenblick."



Information

Adolf Muschg

Der weiße Freitag

Erzählung. C.H. Beck, München 2017, 251 Seiten, 22,95 Euro.

Das gilt auch für das Leben selbst, das irgendwann, bevorzugt gegen Ende, keinen Zeitgewinn mehr zu bieten hat, dafür jedoch wacklige Momentaufnahmen eingespielt bekommt, die sich schneller verflüchtigen als uns lieb ist. Das aber muss auszuhalten sein; der Mensch, auch wenn es für ihn bereits eng geworden ist, steht mitten im Leben, und vom Tod wissen wir, dass er eine insgesamt recht undurchsichtige Planwirtschaft betreibt; er kann also noch warten.

Adolf Muschg (Jg. 1934), als Erzähler zum Altmeister geworden, verwebt Goethes Winterreise, aus der sich Annäherungen an wiederkehrende Verzweiflungen, aber auch beruhigender Zuspruch beziehen lassen, mit Impressionen seiner eigenen späten Krankheitsgeschichte, die sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht mehr auf ein versöhnliches Schlusskommuniqué einlässt, sondern nur noch, in intensivierten Schüben, den Ernstfall probt. So gesehen kann der weiße Freitag als Metapher für eine besondere Existenzprüfung gedeutet werden, die - zeit- und ortsenthoben - bestanden werden will.

"Der Ausgang dieser Reise ist aktenkundig. Aber keine papierene Gewissheit entbindet von der immer neuen Unkenntnis, mit der wir in jeden neuen Tag treten, denn jeder kann der letzte sein. Das unterscheidet das Datum, das wir gerade schreiben, nicht vom 12. November 1779, dem weißen Freitag dieser Geschichte. Er ist nicht nur gewesen. Er kommt immer wieder auf uns zu, darum sei dieser Tag, von dem hier zu berichten ist, noch einmal der jüngste. Er kennt keine Vergangenheitsform. Die Kamera fährt noch einmal auf den Punkt zurück, wo wir auf dem Spiel stehen, jeden Augenblick."

"Der weiße Freitag" ist ein kluges, auch bewegendes Buch, was weniger an Goethe, sondern an Adolf Muschg liegt, der seine Gedanken- und Wahrnehmungswelt, die, in Erwartung des Kommenden, eingetrübt, aber nicht verdüstert ist, für den Leser öffnet: "Heute glaube ich: Beihilfe zur Entsorgung kommt nicht in Frage; dafür ist der letzte Atem zu kostbar. Mit dem Giftbecher, auch dem bekömmlichsten, stirbt man nicht seinen eigenen Tod, auch wenn man ihn als Abschiedsparty zelebriert. (. . .) Wenn es für den Menschen, der ich geworden bin, denn eine ‚Herrlichkeit‘ gibt, schmerzlos wird sie nicht zu haben sein."

Womöglich ist es ja sogar noch viel, was man auf dem letzten Stück Weges zu sehen bekommt; Bilder etwa von der Rückkehr in jene frühe Heimat, in der die Welt noch in Ordnung war : "Die Topographie der Kindheit nimmt im Alter etwas Definitives an, als wäre von ihr man nie wirklich weggekommen. Zugleich liegt sie in einem ganz anderen Land."

Und dann? Goethe hat auch davon eine Ahnung gehabt. "Er wartete. Aber es war vorüber. Er schauderte. Aber es war gekommen, und im Augenblick ist Ewigkeit. Nicht notieren. Behalten. Ewig."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:03:15
Letzte nderung am 2017-08-10 18:30:51



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