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Der Gleichmut der Moordecke




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Von Andreas Wirthensohn

  • Die Natur wird bei Wilhelm Lehmann zu einem eigenständigen Akteur.



Wilhelm Lehmann (1882-1968) gehörte zu den Naturlyrikern, die Gottfried Benn einst etwas verächtlich als "Bewisperer von Gräsern und Nüssen" bezeichnete. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Lehrer in Eckernförde; später trat er als Nebenerwerbslyriker hervor, seine beiden wichtigsten Romane ("Der Überläufer", "Provinzlärm") blieben lange unveröffentlicht, und über einen eher kleinen Kreis von Lesern hinaus erlangte er nie wirkliche Berühmtheit.

Das ist schade, denn sein "Bukolisches Tagebuch" aus den Jahren 1927-1932 und 1948 erweist sich als bemerkenswerte deutschsprachige Spielart des nature writing. In diesen Wahrnehmungsexerzitien kommen Menschen nur ganz am Rande vor, als eine Art Statisten (oder auch Störenfriede) in einer Natur, die hier als eigenständiger Akteur erscheint.

Information

Wilhelm Lehmann

Bukolisches Tagebuch und weitere Schriften zur Natur

Mit einem Nachwort von Hanns Zischler. Matthes & Seitz, Berlin 2017. 292 Seiten, 22,60 Euro.

"Einsamkeit und Weite sind auf den großen Mooren zu Hause. Zwar hat man hier und da Torf gestochen, aber das Schwarz der aufgebrochenen Löcher wird von dem Gleichmut der Moordecke verwischt. Melancholisch sinnt sie vor sich hin, weiß aber, daß es Zeiten gibt, da sie unter Sonnenlicht glüht. Binse, Erika, Calluna, Moosbeere, Ginster, Porst tuschen ein gleichförmiges Braun, das ein paar rostige Streifen sprengen. (. . .) Um sich stärker seiner Eintönigkeit zu freuen, entlockt das Moor jetzt dem eigenen Innern einen weißen Glanz. Ein sanfter Wind schlängelt die Flocken des seidigen Wollgrases."

Der Weg, der Wind, das Wollgras - sie alle werden in diesem Tagebuch zu handelnden Protagonisten, und Natur wird bei Lehmann nicht zum Idyll verklärt, sondern durchaus abgründig, manchmal grausam geschildert.

Dieser klug komponierte Band aus der wunderbaren Reihe "Naturkunden" zeigt uns einen halbvergessenen deutschen Dichter, der auf den ersten Blick romantisch-unmodern erscheint, bei näherem Hinsehen aber unseren, des Lesers Blick auf die Natur enorm zu schärfen vermag.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:06:05
Letzte nderung am 2017-08-10 18:18:54



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