• vom 13.08.2017, 10:00 Uhr

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Scheitern einer Bilderbuch-Ehe




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Tim Parks schwarzhumoriger Roman "Thomas & Mary".



In der Gegenwartsliteratur bilden Eheromane ein gleichermaßen zur Heiterkeit wie zur Erschütterung neigendes Genre. Das liegt auch daran, dass Ehekräche das Potenzial zu großer Komik wie Tragik in sich bergen. Sex und Geld erweisen sich darin als bewährte Konfliktfelder, und wenn Paare schließlich auseinander gehen, will keiner von beiden Schuld an der Trennung gehabt haben.

Information

Tim Parks

Thomas & Mary

Roman. Übersetzt von Ulrike Becker. Antje Kunstmann, München 2017, 330 Seiten, 22,70 Euro.

Dabei scheinen viele Ehen derart konstruiert, dass nicht zu sagen ist, ob sie morgen vorbei sein oder ein Leben lang halten werden. Das meint zumindest der gewiefte britische Schriftsteller Tim Parks, der in seinem neuen Roman eine Ehe wie aus dem Bilderbuch betrachtet: Thomas und Mary sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder, eine Tochter und einen Sohn, ein Haus, einen Hund und jede Menge Ärger. Sie werden sich trennen, soviel ist von Anfang an - der hier ein Ende ist - klar. Doch wie konnte das passieren?

Parks nähert sich dieser Frage aus unterschiedlichen Perspektiven, indem er nicht nur das Paar selbst ausführlich zu Wort kommen lässt, sondern auch dessen Kinder, die Geliebten, Freunde und andere mehr. Das wirft nicht nur unterschiedliche Lichter auf diese sich auf gewöhnliche Weise verschleißende Ehe, sondern demonstriert auch schön, dass man sein Leben nicht nur als Ehemann oder Ehefrau lebt, sondern nebenbei auch Vater/Mutter, Bruder/Schwester, Freund/Freundin, Sohn/Tochter, Arbeitnehmer/Arbeitnehmerin und so weiter ist.

Der Roman beäugt seine Protagonisten in ihren verschiedenen Rollen, wobei er sich am meisten für Thomas interessiert, dessen Leben und Leiden im Zentrum stehen. Aus den mannigfachen Perspektiven ergeben sich freilich auch unterschiedliche Versionen von dem, was man für die Wahrheit halten könnte.

Parks lotet den Raum zwischen dem Erstellen der Heiratsurkunde und der Unterschrift auf dem Scheidungsvertrag rasant aus, indem er in der Chronologie der Geschichte vor und zurück, hierhin und dorthin springt. Immerzu führt er uns in exemplarische Situationen, die ihm als Fallbeispiele dienen, wobei er nicht nur diese Ehe, sondern das Leben selbst auf den Prüfstand stellt. Für das Alter und den Tod interessiert sich Parks mindestens ebenso sehr wie fürs Scheitern im Allgemeinen.

Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, ist kein neues literarisches Verfahren, doch Parks’ Roman zwingt seine Figuren auch in ganz unterschiedliche Gesprächssituationen, seien es Ehekräche oder Therapiesitzungen, Bettgeflüster oder Telefonumfragen.

Nichts Menschliches ist ihm dabei fremd, und er lässt es mit Hingabe immer wieder schwarzhumorig hoch hergehen. Dabei besticht sein vorwiegend unterhaltsamer Roman durch seine bedächtige Konzeption und seine Lebensnähe. Nach der Lektüre scheint jedenfalls ausgemacht, dass zwar kein Mensch eine Insel ist, aber doch jeder sein eigenes Universum bildet.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:09:10
Letzte nderung am 2017-08-10 18:21:46



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