• vom 12.08.2017, 10:00 Uhr

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Meister des feinen Strichs




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Von Bruno Jaschke

  • Wilfried Steiners neuer, preisgekrönter Roman "Der Trost der Rache" besticht durch kluge Komposition und vitale Figurenzeichnung.

Kulturveranstalter und Autor: Wilfried Steiner.

Kulturveranstalter und Autor: Wilfried Steiner.© Andrea Peller Kulturveranstalter und Autor: Wilfried Steiner.© Andrea Peller

Der Tod seines übermächtigen Vaters weckt im Beamten Adrian einen Lebenstraum: Amateur-Astronom von Kindheit an, möchte er das weltgrößte Teleskop, das Gran Telescopio Canarias auf La Palma, sehen.

So bereist er mit seiner Frau Karin, einer gefragten Psychia-
terin, die nordwestlichste aller Kanarischen Inseln. In ihrem Hotel machen sie die Bekanntschaft der in Chile geborenen und seit ihrem 15. Lebensjahr in Hamburg lebenden Ornithologin Sara Hansen. Das Paar und die Vogelkundlerin verstehen sich auf Anhieb. Doch schon kurz nach dem Kennenlernen passiert etwas Seltsames: Als Sara von Adrians astronomischer Obsession erfährt, verdüstert sich ihre Stimmung rapide. Zu Adrians und Karins großem Erstaunen äußert Sara dann aber doch die Absicht, zum Teleskop mitzukommen. Als sie dort ankommen und auf den Astronomen treffen, der sie durch die Anlage führen soll, bricht Sara ohnmächtig zusammen.

Wie Sara später im Hotel dem Paar erzählt, hat sie in dem Astronomen Osvaldo Durán erkannt: den Mann, der 1973 in Chile bei General Pinochets Putsch gegen Präsident Salvador Allende ihre Schwester Emilia zu Tode foltern ließ und verantwortlich für das Verschwinden ihres Bruders Joaquin ist.



Sara zog nach Deutschland, wo sie mit Hilfe befreundeter chilenischer Widerständler und ihres mittlerweile verstorbenen Ehemanns Nachforschungen über den Verbleib des Mörders ihrer Geschwister anstellte. Und tatsächlich hätte sie einmal die Gelegenheit gehabt, Durán hinter Gitter zu bringen. Doch gepeinigt vom Trauma, der Vorstellung des Wiedersehens und einer "Katato-nie von Körper und Verstand" schmiss sie den Gerichtstermin.

Information

Wilfried Steiner

Der Trost der Rache

Roman. Haymon, Innsbruck/ Wien 2017, 255 Seiten, 23,60 Euro.

Am 24. 8. 2017 liest der Autor im Rahmen der Veranstaltung Stadtlesen Linz aus seinem Buch. Martin-Luther-Platz, 4020 Linz (bei Regen findet die Lesung im Thalia, 3. Stock/Veranstaltungsfläche statt). Beginn: 19:00 Uhr.

Dann ist sie Durán noch einmal auf die Spur gekommen und ihm nach La Palma gefolgt. Hier will sie nun tun, was sie seinerzeit nicht schaffte, und den Folterer und Mörder ihrer Geschwister zur Rechenschaft ziehen. Adrian und Karin sind planlos, wie sie Sara beistehen könn(t)en.

Wilfried Steiners vierter, mit dem Floriana-Literaturpreis ausgezeichneter Roman ist bei weitem nicht so reißerisch, wie es die kurze Zusammenfassung seines Inhalts suggerieren könnte. Eigentlich beginnt die Geschichte sogar recht gemütlich, als eine Art Ehe-Satire.

Ein etwas verschrobener, leicht umständlicher, an Flugangst leidender 50-Jähriger mit wohl subkultureller Vergangenheit, der längst seinen bequemen Frieden mit seiner beamteten Existenz geschlossen hat, tritt mit seiner viel erfolgreicheren, lebenstüchtigeren, agileren, attraktiven Lebenspartnerin eine Reise an.

Unsichtbarer dritter Mitreisender ist Karins Beruf: diese jede Lebenssituation durchdringende Omnipräsenz erlebt Adrian, aus dessen Ich-Perspektive der Roman geschrieben ist, etwa so: "Karin behauptet, meine liberale Oberfläche verberge ein weitverzweigtes Netz aus Ängsten und Vorurteilen, wie bei einem alten Möbelstück, unter dessen glän-zender Furnier Holzwürmer ihre Gänge gegraben hatten. Schon saß ich wieder in der psychologischen Falle."

Dann wird eine falsche Fährte ausgelegt, indem die Erwartung aufgebaut wird, dass zwischen
Adrian und Sara (ebenso wie zwischen Karin und ihrem attraktiven Surflehrer) "etwas passiert". Stattdessen geht es in weitem historischen Bogen zurück in das Chile der frühen 70er Jahre, wo mit massiver Unterstützung der USA das Mordregime Pinochets die demokratisch gewählte Links-Regierung Allendes der Macht beraubte, um für die nächsten 17 Jahre mit eiserner Hand und unvorstellbarer Grausamkeit gegen politische Widersacher die Geschicke des Anden-Staats zu lenken.

Erst danach kommt es zum vermeintlichen Showdown, der per se eigentlich ziemlich absurd ist, aus der Psychologie der handelnden - beziehungsweise eben auch nicht handelnden - Personen heraus jedoch zwingend logisch anmutet.

Wilfried Steiner, gebürtiger Linzer des Jahrgangs 1960, Autor und künstlerischer Leiter der Bereiche Tanz, Literatur, Theater und Kleinkunst im Linzer Posthof, ist, wenn man diese grafische Metapher in die Literatur übertragen will, ein Meister des feinen Strichs. Wenige Wendungen und deskriptive Details reichen ihm, um seinen Figuren die sprichwörtlichen Ecken und Kanten zu geben und ihre Interaktionen mit Spannung zu beleben.

Wie bei den Roman-Vorgängern "Bacons Finsternis" und "Die Anatomie der Träume" schafft Steiner es auch hier, die Fabel zu ihrem Besten in einem historischen Komplex zu verweben: Mit der Beschreibung der Pinochet-Ära wird eine Ebene eingezogen, auf deren Grundlage bürgerliche Wertvorstellungen und Gesetze zur hohlen Schablone werden.

Sicher - Adrians Dialoge mit seinem toten Vater sind genauso entbehrlich wie es ähnlich jenseitige Kommunikationsarten jüngst schon bei Thomas Glavinic und Heinrich Steinfest waren. Glücklicherweise wird dadurch der überzeugende Gesamteindruck des Romans aber nicht wesentlich beeinträchtigt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:09:20
Letzte nderung am 2017-08-10 18:28:40



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