• vom 13.08.2017, 09:00 Uhr

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Von Hermann Schlösser und Ingeborg Waldinger

  • Luxusdampfer, Leuchtturm und Weltreisende: Hinweise auf Bücher von Gina Kaus, Paolo Rumiz und über Ernst von Hesse-Wartegg.





"Nur wer die Kultur anderer Länder und Weltteile kennen und aus sich selbst herauszugehen gelernt hat, kann überall den richtigen Maßstab anlegen." Der Mann, der im Jahr 1897 diese klugen Worte schrieb, Ernst von Hesse-Wartegg, kannte die meisten Länder und Kulturen dieser Erde aus eigener Anschauung. Als gelernter Ingenieur, der sich über technische Neuerungen informierte, als Forschungsreisender, der auch die politischen Verhältnisse studierte, und als Reporter mit offenen Augen hat er weite Teile der Welt bereist und in viel gelesenen Reiseberichten beschrieben.

Asien kannte er ebenso gut wie die beiden Amerikas, Afrika war ihm so vertraut wie Westeuropa. Er informierte das gebildete Adels- und Bürgerpublikum über die aktuellen Entwicklungen der Welt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Neben seinen Büchern und Zeitungsartikeln waren seine Vorträge beliebt, die er schon früh mit (den damals ganz neuen) Dias illustrierte. Einige seiner Erfahrungsberichte beeinflussten sogar die aktuelle Politik.

Information

Andreas Dutz / Elisabeth Dutz

Ernst von Hesse-Wartegg

Reiseschriftsteller, Wissenschaftler, Lebemann. Böhlau Verlag, Wien/Köln/ Weimar 2017, 260 Seiten, 30,- Euro.

Gina Kaus

Luxusdampfer

Roman. Mit einem Nachwort von Veronika Hofeneder. Milena Verlag, Wien 2016, 301 Seiten, 24,- Euro.

Paolo Rumiz

Der Leuchtturm

Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio, Bozen/Wien 2017, 160 Seiten, 20,- Euro.

Andreas und Elisabeth Dutz haben nun Ernst von Hesse-Warteggs Lebenslauf in einer wissenschaftlichen Biographie dargestellt. Dabei haben sie seine Reisetätigkeit rekonstruiert, und sein umfangreiches publizistisches Werk erschlossen. Ihr Fazit lautet, Hesse-Wartegg sei weder ein Kritiker noch ein Verteidiger der kolonialistischen Tendenzen seiner Zeit gewesen. Stattdessen habe er als "fesselnder Erzähler, der Packendes und persönlich Erlebtes mit objektivierten Darstellungen vermischte" den Erfolg gesucht und gefunden. Er wollte also vor allem sein Publikum belehren und unterhalten - was ihm so gut gelang, dass der weniger weit gereiste Karl May fleißig aus Hesse-Warteggs Büchern abschrieb.



Die Biographie von Andreas und Elisabeth Dutz untersucht auch das Privatleben ihres Helden. Es ist unklar, wer Ernst von Hesse-Warteggs Eltern gewesen sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er der uneheliche Sohn eines Aristokraten oder einer Aristokratin, doch haben die Verfasser trotz intensiver Forschung darüber nichts ganz und gar Verlässliches in Erfahrung bringen können. Der preziöse Name "von Hesse-Wartegg" dürfte jedenfalls eine Eigenkreation des statusbewussten Autors gewesen sein.

Ernst von Hesse-Warteggs Ehe- und Liebesleben ist besser dokumentiert als seine Herkunft, aber keineswegs geradliniger. Laut Untertitel des Buches war er ein "Lebemann". Er lavierte zwischen seiner Ehefrau, der berühmten Opernsängerin Minnie Hauck, und seiner Geliebten, der Schauspielerin Elvira Weiss (genannt Ella Kobold), der er eine gefälschte Ehe und ein uneheliches Kind aufnötigte - dies und manches andere liest sich ebenso spannend wie die Geschichten aus
Siam oder vom Rio de la Plata.

Luxusdampfer sind beliebte Romanschauplätze. Auf einem großen Schiff sind Menschen, die einander nicht kennen, auf engem Raum zusammen. Da sie auf Reisen sind, haben sie Zeit füreinander, kommen zwanglos in Kontakt, erzählen sich ihre - mehr oder weniger interessanten - Lebensgeschichten. Dabei kann es zu Liebesbeziehungen und Feindschaften kommen - kurz, ein Dampfer bildet einen Mikrokosmos, der mit erzählerischen Mitteln eindringlich erkundet werden kann.

Die sehr zu Recht wiederentdeckte Wiener Schriftstellerin Gina Kaus hat in ihrem 1932 erschienenen Roman "Die Überfahrt" die literarischen Möglichkeiten dieses Schauplatzes virtuos genutzt. Unter dem Titel "Luxusdampfer" wurde dieser temporeiche und zugleich subtile Roman im Milena Verlag wieder aufgelegt.

Erzählt wird hier von der Überfahrt des deutschen Überseeschiffs "Columbia" von Bremerhaven nach New York. Da die Begeisterung für technische Hochleistungen in den frühen 30er Jahren noch ausgeprägter war als heute, gönnt Gina Kaus ihrer Leserschaft auch einen ausgiebigen Blick in den hochmodernen Maschinenraum des Dampfers. Die Autorin, deren Literatur nicht ohne Grund der "Neuen Sachlichkeit" zugerechnet wird, widerlegt gern probate Klischees, und so geht es bei ihren Maschinen nicht dreckig und heiß zu: "Weiß und sauber war es in diesem Raum wie in einem Badezimmer, und auch nicht wärmer. "

Solche Beschreibungen bilden den wirkungsvollen Hintergrund für die Beschreibung diverser Lebensläufe. Gina Kaus ist eine Meisterin der literarischen Seelenkunde. Nuanciert schildert sie die Lebens- und Liebesnöte mehrer Menschen. Da gibt es zum Beispiel die sechzehnjährige Milli Lensch, die wild entschlossen ist, ihren bescheidenen Verhältnissen zu entkommen. Sie angelt sich den älteren Herrn Wolzogen und findet durch ihn Eintritt in die ersehnte bessere Gesellschaft. (Später wird sie noch höher hinaus kommen.)

Aber Kaus schildert keine Einzelschicksale, sondern zeigt sehr feinfühlig, wie ihre Figuren aufeinander reagieren. Und so wird Millis erster Auftritt in Gesellschaft kritisch beobachtet von der ältlichen Sängerin Luise, die sich insgeheim auf die peinliche Szene "Mädchen aus niederm Stand in feiner Umgebung" freut. Aber Milli kann mehr, als Luise glaubt:


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-10 18:12:08
Letzte nderung am 2017-08-10 18:24:56



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