• vom 26.08.2017, 14:00 Uhr

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Wenn die Nachbarn morden




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Von Irene Prugger

  • Yasmina Reza schildert in "Babylon" die Befindlichkeit einer Frau in den nicht mehr allerbesten Jahren.



Ja, es eskaliert wieder bei Yasmina Reza. Aber diesmal in der Nachbarwohnung. Und wieder sind die handelnden Personen selber am meisten davon überrascht, wozu sie fähig sind: "Er braucht einige Zeit, bis ihm klar wird, was gerade passiert ist. Erst denkt er, sie stellt sich tot, das wäre ja typisch. Sie hat früher schon kleine Anfälle und Ohnmachten gespielt. Er schüttelt sie behutsam. Er spricht sie mit ihrem Namen an. Er sagt, sie soll aufhören mit dem Scheiß.
(. . .) Und dann machen ihre Augen ihn stutzig. Sie stehen offen. Er glaubt nicht, dass man diesen starren Blick unverändert so lange beibehalten kann. Der Gedanke an den Tod durchzuckt ihn."

Information

Yasmina Reza

Babylon

Roman. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt Henkel. Hanser, München 2017, 220 Seiten, 22,70 Euro.

Da hat also der ansonsten so liebenswürdige Nachbar Jean-Lino seine nervige Frau ermordet, und zwar nicht aus Mordlust, sondern eher aus Überforderung. Dem Gewaltakt ging ein Streit über Bio-Hühnchen voraus, auf der Geburtstagsparty der 60-jährigen Ich-Erzählerin Elisabeth. Man erfährt von ihr viel über diesen Nachbarn, seine Frau, den Kater und die Partnerschaft der Eheleute, die nicht zum Besten stand. Und man erfährt vor allem viel über die Ich-Erzählerin selbst. Denn obwohl alles danach aussieht, als handle es sich bei dem Buch um die Analyse einer Paarbeziehung, geht es eher um die Bestandsaufnahme des Seelenlebens einer Frau in den besten, aber nicht mehr allerbesten Jahren.

In Elisabeths Bericht schwingt Wehmut ohne Wehleidigkeit, obwohl sie sich in ihrem Leben und in ihrer recht gut funktionierenden Partnerschaft allzu oft wie "im Exil" fühlt. Ihr Sinn für Abenteuer wird durch den Mordfall aktiviert.

Sie ist eine Frau, die anpacken kann, und in diesem Fall packt sie dabei an, die Leiche in einen Koffer zu verfrachten, den Koffer in den Lift und weiter zum Ausgang zu bugsieren. Damit hat es sich auch schon: eine Zeugin taucht auf, und die Realität holt Mörder wie Komplizin ein. Hier ist die Krimistory zu Ende und bliebe als solche äußerst unbefriedigend, wenn sie die Essenz dieses Buches wäre und nicht vielmehr der Fokus auf dem Psychogramm der Erzählerin läge, die in Pyjama und Hausschlapfen zu einem letzten großen Coup aufbricht, der bereits im Hausgang endet: War’s das jetzt schon mit dem Leben? Oder was kann da noch Aufregendes kommen in einem Alter, in dem manche bereits ihre Koffer fürs Altersheim packen?

Diese inneren Kämpfe spielen sich primär zwischen den Zeilen ab, insofern reicht der Roman nicht an die anarchische Kraft und den beißenden Witz von Rezas besten Theaterstücken heran. Hervorragend inszeniert, könnte aber auch diese Geschichte bühnenwirksam gesellschaftliche Brisanz und babylonische Dekadenz offenbaren.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-25 14:57:05
Letzte nderung am 2017-08-25 15:16:00



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