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Update: 27.08.2017, 18:58 Uhr

Literatur

Schmerzende Zärtlichkeit




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Von Jeannette Villachica

  • Die dänische Autorin Naja Marie Aidt erzählt in ihrem fesselnden Debütroman "Schere, Stein, Papier" von unterdrückten Gefühlen, falschen Entscheidungen und dem rasanten Zusammenbruch eines guten Lebens.

Naja Marie Aidt, Jg. 1963, stammt aus Grönland.

Naja Marie Aidt, Jg. 1963, stammt aus Grönland.© Marion Ettlinger Naja Marie Aidt, Jg. 1963, stammt aus Grönland.© Marion Ettlinger

Als sein Vater im Gefängnis stirbt, ist Thomas O’Mally Lindström vor allem erleichtert. Viele Jahre hatte er keinen Kontakt zu Jacques, einem Kleinkriminellen, der trank und seine Kinder vernachlässigte und schlug, bis Thomas stark genug war, sich zu wehren. Die Mutter hatte sie jäh verlassen, Thomas und seine jüngere Schwester Jenny haben nie wieder etwas von ihr gehört.

Das alles glaubte Thomas hinter sich gelassen zu haben. Er besitzt gemeinsam mit seinem Freund Maloney ein Geschäft für Papier- und Büroartikel, das ganz gut läuft, und führt mit seiner Freundin Patricia ein gutbürgerliches Leben. Möglicherweise liegt ihre schicke Altbauwohnung in Kopenhagen, da legt sich die dänische Lyrikerin und Prosaautorin Naja Marie Aidt, die schon lange in New York lebt, nicht fest. Es ist jedenfalls ein sehr heißer Sommer, als Thomas in Aidts Debütroman "Schere, Stein, Papier" von seiner Herkunft eingeholt wird.

Ganz konnte er sich ohnehin nie davon distanzieren, dafür fühlt er sich zu sehr für seine Schwester verantwortlich. Jenny hat eine schlecht bezahlte Stelle im Krankenhaus, ihre Tochter Alice hat sie alleine in einer Sozialwohnung großgezogen. In den Augen des Bruders verhält sie sich oft hysterisch oder wie ein hilfloses Kind, was ihn gehörig nervt, doch wenn sie ihn braucht, ist er da.



Information

Naja Marie Aidt

Schere, Stein, Papier

Roman. Aus dem Dänischen von Flora Fink. Luchterhand, München 2017, 445 Seiten, 22,50 Euro.

Von der ersten Seite an fesselt Aidt auch durch diese komplexe, fein gezeichnete Geschwisterbeziehung. Thomas, der sich für absolut unsentimental und rational hält, durchläuft in Bezug auf seine Schwester permanent ein Wechselbad der Gefühle: "Einen Augenblick lag fühlt er eine schmerzende Zärltlichkeit für den breiten, wogenden Körper, der jetzt um die Ecke biegt und verschwindet. Dann Abscheu. Dann wieder Zärtlichkeit." Er hört sich stets ihr Wehklagen an und versucht auszuharren, bis ihr Schluchzen versiegt. "Unzählige kleine Masten müssen ausbalanciert werden, und dann steht Jenny plötzlich ganz aufgerichtet und aufrecht da, überraschend stark."

In dem sozial gewandten, in privaten Dingen jedoch sehr verschlossenen Thomas setzt der Tod des Vaters eine überzeugende, ihn selbst und den Leser mitreißende Mixtur aus unterdrückten Erinnerungen und Gefühlen frei, von der niemand aus seinem Umfeld etwas ahnt. Allein der Leser ist ganz nahe bei ihm und verfolgt atemlos, wie er sich in dem teils selbstverschuldeten Strudel aus Schweigen und Lügen, Verfolgungswahn und Angst vor realen Bedrohungen verfängt.

Auslöser für diese Abwärtsspirale ist neben dem Tod des Vaters Geld, das Thomas in einem Toaster des Vaters findet. Er erzählt niemandem davon und mietet damit einen zweiten Laden an, der seiner Nichte Alice eine berufliche Perspektive bieten soll. Von nun an hat er keine ruhige Minute mehr und zieht die Menschen, die ihm am nächsten stehen, ungewollt mit nach unten.

Temporeich erzählt Aidt von manischen Momenten, die auf Wochen folgen, in denen Thomas nur schlafen will und sich vollkommen leer fühlt. Panische Überforderung und Angst äußern sich in Aggressionen, auch Patricia gegenüber, die sich immer weiter von ihm entfernt. Er fühlt sich verantworlich für bedrohliche Vorkommnisse, zugleich glaubt er, das Geld stehe ihm zu und er setze es richtig ein. Und dann die vergessen geglaubten Bilder aus seiner Kindheit und Jugend - all das bringt ihn fast um den Verstand.

An einem Wochenende in diesem turbulenten Sommer kommt die erweiterte Familie bei Thomas’ Tante, deren Lebensgefährtin und ihren zwei kleinen Töchtern auf dem Land zusammen. Dabei ist auch der junge Luke, für den Jacques ein väterlicher Freund war und mit dem Thomas’ Nichte sich angefreundet hat.

Mit Luke setzt Aidt ein neues Spannungsmoment. Luke bringt Eifersucht, Bewunderung, erotische Anziehung und den Blick von außen auf das Familiengefüge ein. An jenem Sommerwochen- ende spielen einige der amüsanten Szenen dieses Dramas, das auch Krimi, Gesellschafts- und Familienroman ist. Selten liest man so eindringliche und dabei so unaufdringliche Szenen über Liebe, Hass, Ekel und Sehnsucht innerhalb der Familie wie in diesem Roman.

Vor allem ist "Schere, Stein, Papier" aber das Psychogramm eines Menschen, der schon als kleines Kind funktionieren musste, sonst hätten er und seine Schwester vielleicht nicht überlebt. Thomas erlaubte es sich nie aufzugeben oder die Kontrolle zu verlieren, doch eben das ist nun geschehen. Als er seine Angestellte im neuen Laden gut gelaunt sieht, denkt er: "Ich will auch glücklich sein und Freude versprühen." Da ist er wieder, der kleine Bub, der sich danach sehnt, dass ihn jemand in den Arm nimmt. Oder wie Thomas selbst meint: Der "einsame alte Narr, der alle vergrault". Bis zuletzt hofft man, dass er die Abwärtsspirale aufhalten kann.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-25 15:00:11
Letzte nderung am 2017-08-27 18:58:25



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