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Update: 29.08.2017, 16:54 Uhr

Sachbuch

Die Brücke von der Politik zur Macht




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Von Oliver vom Hove

  • Der Soziologe Zygmunt Bauman hinterlässt letzte Gedanken.

Zygmunt Bauman als Prophet des letzten Jahrhunderts.

Zygmunt Bauman als Prophet des letzten Jahrhunderts.© afp/Cizek Zygmunt Bauman als Prophet des letzten Jahrhunderts.© afp/Cizek

Ein Gespräch über den Tod hinaus, das nun zum Vermächtnis geworden ist: Anfang des Jahres ist der Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman 91-jährig in England gestorben. Kurz zuvor hat der Schweizer Publizist Peter Haffner mit dem polnisch-britischen Gelehrten einen Diskurs über die wichtigsten Themen geführt, die für das unkonventionelle Leben und Denken Baumans kennzeichnend wurden.

Baumans Leben erscheint wie durch die Zentrifuge des letzten Jahrhunderts geschleudert: 1925 in Posen geboren, 1939 Flucht mit seiner jüdischen Familie in die Sowjetunion. Mit 19 Soldat der Roten Armee. In stalinistischer Zeit Geheimdienstoffizier im kommunistischen Polen. Nach 1956 Beginn der wissenschaftlichen Tätigkeit. 1967 Verlust der Professur an der Uni Warschau, nachdem er unter Protest aus der kommunistischen Partei ausgetreten war. Emigration nach Israel. 1971 Berufung auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Uni Leeds, den er bis 1990 innehatte.

Information

Sachbuch

"Das Vertraute unvertraut machen". Ein Gespräch mit Peter Haffner.

Zygmunt Bauman

Verlag Hoffmann und Campe Hamburg 2017

Festhalten am Vertrauen

Unsicherheit und die damit entstehende Angst sind Kennzeichen der späten Moderne, betonte Bauman gegenüber Haffner. Bis vor einigen Jahrzehnten konnte man glauben, durch Vernunft und Fortschritt könne für jedes Problem eine Lösung gefunden werden. "Heute glaube ich das Gegenteil", so Bauman. "Die Schwierigkeit, ein vernünftiges Programm auszuarbeiten, um handeln zu können, ist nicht der Mangel, sondern der Überfluss an Information."

In seinen Werken "Flüchtige Zeiten: Leben in der Ungewissheit" und "Flüchtige Moderne" untersuchte Bauman die Brüchigkeit individueller Biografien und beruflicher Gewissheiten unter dem Diktat der Globalisierung. Auch die Identität des Individuums ist der Verflüssigung durch die Lebensumstände unterworfen. "Die Kultur des Konsumismus ist geprägt vom Druck, jemand anderer zu sein... Es geht um den Erwerb von Eigenschaften, für die auf dem Markt eine Nachfrage besteht. Sich selber in eine begehrte Ware zu verwandeln, erhöht die Chancen um den Löwenanteil an Beachtung, Ruhm und Reichtum."

Für das Festhalten am Vertrauten zeigte Bauman Verständnis: "Die Leute haben Angst vor der Wucht der Globalisierung. Dies zu Recht, weil sie die Gegebenheiten außerhalb ihrer Reichweite nicht kontrollieren können. Also ziehen sie sich instinktiv zurück." Indes: "Die Macht ist schon globalisiert, aber die Politik ist immer noch lokal wie früher. Wie man Politik und Macht wieder zusammenbringen kann, ist die größte Herausforderung dieses Jahrhunderts. Probleme, welche die Globalisierung verursacht oder verschärft, können nicht lokal gelöst werden."

Der Zeitdiagnostiker war immer handfest am Puls des Kommenden. Trotz allen Enttäuschungen über vereitelte Pläne und Hoffnungen auf eine gerechtere Zukunft hielt er fest: "Die Welt hat einen unerschöpflichen Gedankenvorrat, der immun macht gegen die Versuchung, sich auszuruhen."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-29 16:48:08
Letzte nderung am 2017-08-29 16:54:29



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