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Literatur

Wenn die Maske fällt




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Von Uwe Schütte

  • Der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici lässt die Zivilisation in einer bitter-ironischen Dystopie an ihrer Unmenschlichkeit scheitern.

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren und in Österreich aufgewachsen, ist vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Historiker. - © Ullsteinbild/Schleyer

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren und in Österreich aufgewachsen, ist vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Historiker. © Ullsteinbild/Schleyer

"Arrival" (2016) war einer der interessantesten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre, weil er radikal von den Mustern des Genres abwich: Die Ankunft von Außerirdischen wurde - gegen alle Konventionen - nicht als kriegerischer Überfall inszeniert, den es mit militärischer Gewalt zurückzuschlagen galt. Vielmehr ging es dabei um die mühselige Entzifferung und Übersetzung der Alien-Sprache als Versuch, eine Kommunikation zwischen Menschheit und Außerirdischen zu ermöglichen.

Doron Rabinovicis neuer Roman, "Die Außerirdischen", versucht gleichfalls den alles verändernden Augenblick einer interstellaren Kontaktaufnahme in seinen Auswirkungen und Resultaten auszuphantasieren. Zunächst einmal passiert, was nach der Ankunft von Aliens in der Tat zu erwarten wäre: Panik, Plünderungen und anderer sozialer Aufruhr, der stets mit unkontrollierbaren Krisen einhergeht.

Da die fremde, technologisch und damit zweifellos auch waffentechnisch überlegene Lebensform zunächst keinerlei Kontakt mit der Menschheit aufnimmt, blühen wilde Spekulationen, und übelste Gerüchte machen die Runde. Die verborgene Anwesenheit der stellaren Wesen provoziert die Menschen, ihr eigentliches Wesen hinter der Maske des Humanistischen und der Zivilisation offen zu legen. Dieses Moment spielt die zentrale dramaturgische Rolle im Roman, wie sich noch herausstellen wird.



Doch zuerst kommt der Schlüsselmoment des "first contact" im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der UNO. Der überraschende Clou von "Die Außerirdischen" liegt darin, dass die Aliens ganz genauso aussehen wie wir Menschen und in unserer Sprache die frohe Botschaft bringen, dass sie nichts Böses im Schilde führen: "Wir wollen alle nur eines sein - und darum stehen wir hier - menschlich!"

Information

Doron Rabinovici

Die Außerirdischen

Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 255 Seiten, 22,70 Euro.

Doch das war es dann auch schon. Der springende Punkt in Doron Rabinovicis Buch ist die Frage, was genau das nun ist: menschlich zu sein. Bei einem Autor, dessen Familienmitglieder dem Holocaust zum Opfer fielen, kommt dabei die so bekannte wie deprimierende Erkenntnis heraus, dass gerade die Unmenschlichkeit das Signum des Menschen ist.

Der zwischen Satire und bitterböser Ironie changierende Roman führt vor, wie sich ein fataler Mechanismus aus Gerüchten, Vorurteilen, Gier und absurden Hoffnungen in Gang setzt.

Im Gegenzug für Menschen- opfer würden sie uns neue Technologien und Heilmittel gegen alle unheilbaren Krankheiten bereitstellen, erklären die Aliens. Ausgewählt werden diese freiwilligen Opfer durch einen blutigen Wettbewerb, bei dem den Siegern Ruhm zuteil wird, während die Verlierer den Tod finden, - wenngleich man sie zuvor noch mit allem erdenklichen Luxus verwöhnt, und sie dank Euthanasie schmerzfrei und ohne Angst sterben können, wie auch reichliche Entschädigung für die Hinterbliebenen winkt.

Was in der Theorie irgendwie noch vertretbar erscheint, verwandelt sich aber in der Durchführung in ein barbarisches System aus Straflagern, Deportationen und Selektion, das - wie auch anders - überdeutlich an den Genozid am europäischen Judentum verweist.

Doron Rabinovicis "Die Außerirdischen" ist mithin ein so ungewöhnlicher wie berechenbarer Roman, der eine interessante Geschichte erzählt, dies aber in wenig anspruchsvoller Sprache. Die Hauptfigur Sol wie das für das Handlungsgerüst benötigte Online-Gourmet-Magazin, für das der Protagonist arbeitet, bleiben lediglich die unabdingbare Staffage des Romans.

Mit einem Hollywood-Produkt wie "The Arrival" wird man heutzutage besser bedient als mit diesem Roman. Dabei könnte Literatur durchaus mehr.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-31 18:18:15
Letzte nderung am 2017-09-04 11:41:59



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