• vom 03.09.2017, 12:00 Uhr

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Verrat an den Idealen




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Von Andreas Wirthensohn

  • Joseph Andras’ ergreifender Debütroman "Die Wunden unserer Brüder".



Was für die USA der Schandfleck Guantanamo, ist für Frankreich noch immer die "Wunde" des Algerienkriegs. 1954 begann der Kampf der Kolonie um die Unabhängigkeit, und im Zuge der jahrelangen Auseinandersetzung verriet das Heimatland der Menschenrechte all seine zivilisatorischen Prinzipien. Die französische Armee folterte systematisch, deportierte wahllos und vernichtete im Zuge sogenannter Säuberungsaktionen ganze Dörfer.

Grundlage dieses brutalen Vorgehens war die "Französische Doktrin", die vom damaligen Innenminister François Mitterrand eingeführt wurde. Dass Mitterrand später, als Staatspräsident, die Todesstrafe abschaffte, darf man durchaus als Versuch der Wiedergutmachung eigener Schuld betrachten.

Information

Joseph Andras

Die Wunden unserer Brüder

Roman. Übersetzt von Claudia Hamm. Hanser, München 2017, 157 Seiten, 18,50 Euro.

Fernand Iveton war eines der Opfer dieser Doktrin. Der Franzose, Kommunist und Kämpfer für die Freiheit seiner Heimat Algerien, wurde als einziger Europäer in diesem Krieg zum Tode verurteilt und hingerichtet (natürlich durch die Guillotine) - weil er eine Bombe gelegt hatte, die explizit keine Menschen treffen, sondern nur Sachschaden anrichten sollte. Inmitten der aufgeheizten Stimmung sollte an ihm, der von der Presse als "Terrorist" beschimpft wurde, eine Art Exempel statuiert werden.

Joseph Andras, 1984 geboren, erzählt in seinem Debütroman die Geschichte Ivetons: eindringlich, bisweilen sogar schwer erträglich (Iveton wurde brutal gefoltert), aber immer ganz nah an den Fakten und in dezidiert moralischer Absicht. In rasanten Schnitten zeichnet er das Bild eines Mannes, der an Frankreich und dessen Werte glaubte und dem von Seiten des Staates fürchterliches Unrecht widerfuhr. Andras ergreift Partei in diesem Buch, aber er tut das ohne erhobenen Zeigefinger, sondern vertraut ganz auf die Kraft seines Erzählens. Zu Recht wurde der Roman mit dem Prix Goncourt für das beste Debüt ausgezeichnet - einem Preis, den der Autor nicht annahm, weil er seine Erzählung und die darin thematisierten Ideale nicht "institutionalisieren" lassen wollte. Wer dieses ergreifende Buch gelesen hat, versteht Andras’ Entscheidung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-31 18:18:19
Letzte nderung am 2017-09-01 14:19:18



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