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Update: 10.09.2017, 16:46 Uhr

Neue Werkausgabe

Fragmente einer Leidensgeschichte




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Von Hermann Schlösser

  • Die ersten Bände der neuen Ausgabe sämtlicher Werke Bachmanns zeigen die Autorin in einer schweren Lebenskrise.



Ingeborg Bachmann, ca. 1960.

Ingeborg Bachmann, ca. 1960.© Ullstein/Keystone Ingeborg Bachmann, ca. 1960.© Ullstein/Keystone

Die private Katastrophe ereignete sich 1962: Der Schriftsteller Max Frisch (51) ersetzte die intellektuelle, berühmte, schwierige Schriftstellerfreundin Ingeborg Bachmann (36), mit der er vier Jahre zusammengelebt hatte, durch die heitere und vor allem junge Studentin Marianne Oellers (23). Während Frisch den Austausch der zwei Frauen kühl-korrekt erledigen wollte, war Bachmann zu einem pragmatischen Arrangement nicht imstande. Sie wurde krank, litt unter Panikattacken und Depressionen, unterzog sich langwierigen Therapien, verfiel der Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit. Nach allem, was über diese Geschichte bekannt ist, muss man annehmen, dass Frischs Verhalten Ingeborg Bachmanns seelische Verfassung nachhaltig beschädigt hat. Ob man zugleich unterstellen muss, dass dies in seiner Absicht lag, sei dahingestellt, auch wenn Ingeborg Bachmann selbst dies geglaubt zu haben scheint.

"zutodverwundet"

Information

Ingeborg Bachmann

Werke und Briefe
Salzburger Bachmann Edition, herausgegeben von Hans Höller und Irene Fußl. Piper Verlag München / Suhrkamp Verlag Berlin.2017 sind die ersten beiden Bände erschienen:

"Male oscuro"
Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit. Traumnotate, Briefe, Brief- und Redeentwürfe. Herausgegeben von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni. 255 Seiten, 35,- Euro.

Das Buch Goldmann
Herausgegeben von Marie Luise Wandruszka. 457 Seiten, 37,10 Euro.

Allerdings unterschied sich dieser Trennungskonflikt von vielen anderen seiner Art durch seine literarische Dimension. Das Selbstwertgefühl der damals hochberühmten Lyrikerin ist nämlich nicht nur von der jüngeren Konkurrentin verletzt worden, sondern mehr noch durch die Schauspielerin Lila, die eine Hauptrolle in Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" spielt. In dieser Kunstfigur erkannte Bachmann ihr Porträt, und sie war empört darüber, dass Frisch ihr Verhältnis sofort nach der Trennung in einem gut gemachten Bestseller verarbeitet hat. Bachmann warf diese Verletzung ihrer Privatsphäre nicht nur Frisch vor, sondern auch dessen Verleger Siegfried Unseld und letztlich dem gesamten Literaturbetrieb.



Zum völligen Verstummen der Autorin Ingeborg Bachmann kam es jedoch nicht. Selbst in Zeiten ihrer schwersten Depression schrieb sie. Es entstanden Traumprotokolle, in denen "M. F." häufig als Schreckensmann auftaucht, dann teils verzweifelte, teils zuversichtliche Briefe an ihren Arzt, den Psychiater Helmut Schulze. Eine größere literarische Ambition zeigt der Entwurf einer Rede, in der die kranke Autorin der Ärzteschaft erklären wollte, dass alle wohlmeinenden Behandlungsmethoden der Schulmedizin an ihr Leiden nicht heranreichen. Darin heißt es: "Das verwinde ich nicht, daß man mein Leben zerstört hat, weil man nicht begriffen hat, daß ich einer Räuberbande in die Hände gefallen bin, und man hat mir EKG gemacht und EEG und hundert Untersuchungen, aber niemand hat mich gefragt: was haben Sie denn, warum sind Sie so elend. Niemand. Und ich habe doch ausgesehen, ganz gewiß, wie ein zutodverwundetes Tier."

Dieser Text, der deutlich unter Beweis stellt, dass der Dichterin sehr schwer zu helfen war, wurde von ihr selbst nicht publiziert - so wenig wie die Traumprotokolle und Briefe. Die Krankheitstexte lagen in Ingeborg Bachmanns umfangreichem Nachlass und waren ursprünglich bis ins Jahr 2025 für die Öffentlichkeit gesperrt. Nun haben Heinz Bachmann und Isolde Moser, die Geschwister der Autorin, als rechtmäßige Erben die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben, und die Texte sind heuer unter dem Titel "Male oscuro" erschienen. Das "dunkle Übel" wird hier auf Italienisch bezeichnet, weil sich die Wahlitalienerin Ingeborg Bachmann selbst auf einen 1964 erschienenen Roman dieses Titels bezog, in dem der Schriftsteller Giuseppe Berto die beklemmende Geschichte seiner Depression geschildert hat.

"Male Oscuro": Diese Dokumente einer schweren seelischen Erkrankung bilden den ersten Band einer auf ca. 30 Bände angelegten, wissenschaftlichen Ingeborg-Bachmann-Werkausgabe, die in den beiden Verlagen Bachmanns, Piper und Suhrkamp, sukzessive entstehen wird. Die Edition steht unter der Gesamtleitung von Hans Höller und Irene Fußl, und wird sämtliche veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften und Briefe Ingeborg Bachmanns in kommentierten Ausgaben enthalten.

Befremdlicher Anfang

Die Erarbeitung der Edition wird noch einige Jahre in Anspruch nehmen, sodass sich ihre Endgestalt noch nicht einmal in Umrissen zeigt. So viel lässt sich aber doch schon anmerken: Der Auftaktband dieser umfangreichsten Bachmann-Edition, die es je gab, ist befremdlich. Da stehen ein paar kurze Texte, die gewiss nicht zu den bedeutendsten der Autorin gehören, und eben deshalb kaum anders gelesen werden können denn als Hilfeschreie einer gedemütigten, verstörten, verzweifelten, kranken Frau.

Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni, die beiden Herausgeberinnen dieses Bandes, verwahren sich überzeugend gegen den nur zu naheliegenden Verdacht des literaturgeschichtlichen Voyeurismus. In einem sachkundigen Kommentar, der wesentlich umfangreicher ausgefallen ist als der Textteil, analysieren sie umsichtig Bachmanns Erkrankung, wichtiger ist ihnen jedoch der werkgeschichtliche Stellenwert der Texte: Wie die Herausgeberinnen zeigen, begann mit dem Zusammenbruch, der im "Male oscuro"-Band dokumentiert ist, für die Autorin eine keineswegs glückliche, aber doch sehr produktive Schaffensphase. Nach ihrem Erzählungsband "Das dreißigste Jahr" (1961) arbeitete sie bis zu ihrem tragischen Unfalltod im Jahr 1973 vorwiegend an einem umfangreichen Romanzyklus, den sie "Todesarten" nannte.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:09:09
Letzte nderung am 2017-09-10 16:46:35



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