• vom 09.09.2017, 14:30 Uhr

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Kosmopolitismus und Kleinstaaterei




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Von Uwe Schütte

  • Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse präsentiert einen virtuosen Roman über das Kräftefeld, das in Europas Hauptstadt wirkt.



Ein mysteriöser Mord mit verschwundener Leiche im Hotel Atlas in Brüssel. Und ein herrenlos durch Brüssel laufendes Schwein. Verschwörungstheorien über ein geheimes Netzwerk katholischer Killer, Beschreibungen des Treibens der EU-Bürokratie, die sich aus Zynikern, Idealisten und Schreibtischhengsten aller Mitgliedsstaaten zusammensetzt. Das, und noch sehr viel mehr, ist der Stoff, aus dem Robert Menasses neuer Roman besteht. Bekanntlich lebt der Autor schon seit einiger Zeit in Brüssel, was man seinem Buch auch anmerkt: es glänzt durch evokative Beschreibungen der Stadt und der in ihr herrschenden Atmosphäre aus europäischen Kosmopolitismus und belgischer Kleinstaaterei.

Information

Robert Menasse
Die Hauptstadt
Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 460 Seiten, 24,70 Euro.

Die zuletzt erschienenen essayistischen Bände, "Der Europäische Landbote" (2012) und "Heimat ist die schönste Utopie" (2014), erweisen sich nun als Vorarbeiten bzw. Begleitbände zu seinem Roman, der auf literarische Weise ähnlich argumentiert: Menasse steht der Europäischen Union als Institution keineswegs negativ gegenüber, sondern sieht deren Demokratiedefizite in dem zu großen Einfluss der Nationalstaaten begründet, weshalb er für ein Europa der Regionen eintritt.

Parallelstränge

"Hauptstadt" ist angelegt als in verschiedenen Parallelsträngen erzähltes Buch, bei dem die Handlungsfäden am Ende auf intrikate Weise zusammenkommen. Doch nicht nur die übergreifende Konstruktion macht die Virtuosität des Romans aus. Es finden sich darin viele Kleinigkeiten, die schlaglichtartig über die Handlung hinausweisen und Menasses erzählerische Meisterschaft zeigen. Als etwa der Holocaust-Überlebende David de Vriend eine teure Kleiderbürste kauft, preist ihm der Verkäufer diese an mit den Worten: "Diese Bürste wird Sie über-leben, deutsches Rosshaar, händisch eingezogen in den Korpus aus Eichenholz!"

Unerwartet tun sich so Abgründe auf, zumal wenn es im Weiteren heißt: "Er kaufte diese deutsche Bürste, die ihn überleben würde, die unschuldig war, und vielleicht waren es auch die Hände, die sie gefertigt haben." Ihre tiefere Bedeutung freilich gewinnt die Stelle freilich erst, wenn man weiß, dass de Vriend, der knapp den Nazis entkam, am Ende des Romans bei einer islamistischen Bombenexplosion stirbt.

In Zentrum des Romans steht das gescheiterte Projekt einer griechisch-zypriotischen EU-Beamtin, die sich einen Karrieresprung erhofft, indem sie eine aufsehenerregende Jubiläumsfeier für die Europäische Kommission organisiert. Sie will Holocaust-Überlebende aufmarschieren lassen, damit diese bezeugen sollen, dass der Nationalismus zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geführt hat, weshalb es die moralische Verpflichtung der Europäischen Kommission sei, an der Überwindung des Nationalismus zu arbeiten. Die Auflö-sung nationaler Differenzen zwischen den im permanenten Ausnahmezustand der Vernichtungslager eingepferchten Häftlingen soll so als Modell für den moralischen Anspruch und die politische Aufgabe der Europäischen Union umgedeutet werden.

Nationalismus

Kaum erstaunlich mithin, dass dieser Plan scheitert. "Nie wieder Auschwitz!" taugt zwar als ritualisierte Formel für Sonntagsreden, wie ein Funktionär feststellt, aber kann nicht funktionalisiert werden zu einer politischen Leitlinie der EU zur Verabschiedung des nationalen Denkens: "Der Europäische Rat könnte das nie akzeptieren. Überwindung der Nationen. Das hieße Krieg. Gegen die Kommission. Und Aufruhr der Menschen in allen Ländern gegen Europa."

Auch ein anderer Protagonist des Romans will Auschwitz ins Zentrum der europäischen Idee stellen, doch braucht hier nicht alles vorab verraten werden, denn Menasses ausgezeichneter Roman gehört zu den unverzichtbaren Büchern dieser Saison.

Man hat lange darauf warten müssen, doch die Geduld hat sich gelohnt. Und die mysteriöse Ankündigung am Ende des Epilogs, "À suivre", lässt hoffen, dass "Hauptstadt" in nicht allzu langer Zeit eine Art Fortsetzung finden wird.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 18:27:05
Letzte nderung am 2017-09-07 19:00:47



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