• vom 10.09.2017, 09:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Fatale Realitätsverweigerung




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ingeborg Waldinger

  • Julien Gracqs beklemmendes Romanfragment "Das Abendreich".



Warner vor der Katastrophe finden kein Gehör, erste Akte brutaler Aggression werden zerredet, eine "Trägheit der Seele" befällt die Menschen - denn noch lebt man ja gut im Lande: "Die sehr wirkliche Ruhe, die im Königreich herrschte, wurde so zu einem Beweis für die Nichtigkeit der Gefahr." Julien Gracq, der 2007 verstorbene Solitär der französischen Literatur, hat ein Romanfragment aus dem Jahr 1953 hinterlassen, das im Original erst 2014 und nun erstmals auf Deutsch (in der großartigen Übersetzung von Dieter Hornig) erschien: "Das Abendreich". Der Titel ist Jean Pauls "Vorschule der Ästhetik" entlehnt: die deutsche Romantik war von großem Einfluss auf Gracq. Geprägt haben ihn auch der Surrealismus - und Ernst Jünger. Dessen Opus "Auf den Marmorklippen" bot die Vorlage für Gracqs Roman "Am Ufer der Syrten" (den dafür zuerkannten Prix Goncourt schlug der Autor aus). In beiden Büchern - wie auch im Roman "Das Abendreich" - geht es um die brutale Auslöschung einer hoch entwickelten Zivilisation.

Julien Gracq war auch Gymnasialprofessor für Geschichte und Geografie; sein ausgeprägtes Interesse für Landschaften schlug sich in berückenden Schilderungen ("Witterungen", "Der große Weg") und magischen Fiktionen nieder, wobei bestimmte Topoi leitmotivisch wiederkehren: Gebirge, Schluchten, Wälder, Steppen, Seen und das Meer. Dem entspricht auch die Landkarte des fiktionalen Abendreichs, die aber eine mythisch-sinnliche Aufladung erfährt, etwa durch das transzendierende "Limbuslicht" des Nordens oder den panischen Odem feuchter Wälder. Dazwischen von Festungen dominierte Orte wie Alt-Brega, Hauptstadt und Ausgangspunkt der Handlung - und deren Endpunkt, die Stadt Roscharta.

Information

Julien Gracq
Das Abendreich
Roman. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Droschl, Graz 2017, 224 Seiten, 23,- Euro.

Der namenlose Erzähler leitet in Alt-Brega das Katasteramt, - die Zeit der Handlung scheint also auf eine Ära nach der Französischen Revolution eingrenzbar (davor gab es kein Grundbuch); vormodern bleibt sie allemal. Der Erzähler und seine Freunde gehören einer patrizisch-adeligen Oberschicht an. Sie brechen aus dem Vakuum Alt-Brega aus und kämpfen sich durch verbrannte Erde in die belagerte Grenzstadt Roscharta durch. Sie halten Wacht in dieser "mürrischen Rüstung aus Stein und Stille", huldigen ihrer bündisch-sanguinischen Brüderschaft, lassen bei ihrer "Jagd" im Stadtwald aber auch "Menschenblut" zurück: ohnmächtige Manöver gegenüber dem Feind, den Dschungaren. Die gab es wirklich, doch Gracqs Abendreich deshalb an der Grenze zur Mongolei verorten zu wollen, ist müßig, geht es doch vielmehr um die große Parabel: Eine welkende Hochkultur besiegelt mit ihrer Realitätsverweigerung den eigenen Untergang. Der wird erst in subtilen, dann immer drastischeren, auch verstörenden Bildern fassbar, wie: "die barbarische Majestät eines Autodafés". Bar jeder Empathie mit den Opfern, elitistisch und hochpoetisch, wirkt dieses Buch dennoch wie ein Menetekel in dieser fragilen Welt.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-07 19:14:06
Letzte nderung am 2017-09-07 19:15:33



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Hartnäckige Fake News
  2. Die Wallung der Behauptung
  3. Wasch dich mal wieder
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. breaking poem II
  3. Protokoll einer Entliebung

Werbung




Werbung


Werbung