• vom 11.09.2017, 14:31 Uhr

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Update: 11.09.2017, 16:21 Uhr

Reisebericht

Mit dem Rollstuhl auf dem Jakobsweg




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Von Mathias Ziegler




    Der Verkehrsunfall war relativ glimpflich, doch der Schock, den der US-Amerikaner Justin Skeesuck dabei erlitt, dürfte eine seltene und bisher kaum erforschte Krankheit in seinem Körper zum Ausbruch gebracht, in deren Folge er jetzt im Rollstuhl sitzt - und an der er wohl früher oder später sterben wird. Und was macht Justin? Er lebt sein Leben, genießt jeden Tag und nimmt sich Großes vor. Gemeinsam mit seinem besten Freund Patrick sucht er seit Jahr und Tag das perfekte Männerabenteuer - und findet es ausgerechnet zwischen St. Jean Pied de Port und Santiago de Compostela. Er will den Jakobsweg gehen, oder besser gesagt: im Rollstuhl fahren.

    Und Patrick springt sofort darauf an. Seine erste Reaktion: "I'll push you." ("Ich schiebe dich.") Das einzige Problem: Die Tour dauert erstens gut sechs Wochen und wird zweitens Patricks Kräfte vermutlich überfordern, wenn er Justin im Rollstuhl 800 Kilometer weit schieben beziehungsweise ziehen will. Und so braucht er erstens ganz viel Urlaub und zweitens einen Helfer. Was sich daraus entwickelt, wird ein Dokufilmprojekt, denn Patrick findet erstens einen guten Freund, der einen Teil der Strecke mit ihnen gehen will, und zweitens genehmigt ihm sein Chef den langen Urlaub unter einer Bedingung: "Sie müssen das filmen! Es wäre egoistisch und unverantwortlich, es nicht zu tun! Es liegt so viel Hoffnung in Ihrem Vorhaben, dass Sie sie unbedingt teilen müssen. Die Welt muss wissen, dass es eine solche Hoffnung gibt!"

    Und so absolvieren Justin und Patrick gemeinsam mit einem Kamerateam den Jakobsweg und halten ihre Erlebnisse danach auch noch in einem Buch fest. Es ist eine sehr berührende Zusammenfassung der Reise und der vorhergehenden Ereignisse, in der sie nicht mit intimen Details sparen. Eine Männerfreundschaft muss es aushalten, wenn man die Gefühle einander gegenüber auch seinen Lesern offenbart. Und wenn man bekennt, dass man mehr als einmal aufgeben wollte, und erklärt, warum man es dann doch nicht getan hat. Wenn man die Rolle Gottes im eigenen Leben beschreibt. Und wenn man eigene Fehler eingesteht. Gleichzeitig ist es auch interessant, Südeuropa aus der Sicht zweier Amerikaner geschildert zu bekommen. Ein beeindruckendes Buch, das man getrost weiterempfehen kann.

    Patrick Gray und Justin Skeesuck: I'll Push You
    Benevento; 320 Seiten; 24 Euro





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-09-08 14:57:07
    Letzte nderung am 2017-09-11 16:21:59



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