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Update: 12.09.2017, 17:15 Uhr

Sachbuch

Flüchtig wie Theaterzauber




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Von Christine Zeiner

  • "Was mir wichtig ist": Martin Schulz zuzuhören, kann Laune machen. Sein Buch zu lesen tut das nicht.

reuters/Hannibal Hanschke

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Es ist erstaunlich. Zur Präsentation las an einem Sonntagvormittag der SPD-Kanzlerkandidat aus seinem gerade erschienenen Buch "Was mir wichtig ist". Schulz saß auf der Bühne des Berliner Ensembles. Schulz trug Passagen aus seinem Buch vor und man hörte zu. Dann beantwortete Schulz Fragen, er las wieder ein wenig und ging erneut auf Fragen ein. Die Veranstaltung war kurzweilig.

"Sie waren ja ganz schön viel unterwegs, haben Sie das Buch selbst geschrieben?", fragt die Moderatorin Amelie Fried. Schulz greift aufs Herz - und das Publikum hat etwas zu schmunzeln. Jeden Tag führe er eine Seite Tagebuch, antwortet er. "Das ist ein Akt der Selbstdisziplin." Als Alkoholkranker habe er das in seiner Langzeittherapie gelernt. "Setz dich hin, strukturier deinen Tag, was ist wie gelaufen. Das habe ich seit 37 Jahren übernommen." Er schreibe mit der Hand. Seit er als Spitzenpolitiker sein altes Nokia-Handy habe abgeben müssen - "ein alter Knochen mit einer Ladezeit von 36 Stunden" -, besitze er "so ein iPhone", da gebe es auch eine Aufnahmefunktion. Die Selbstironie kommt gut an.

Information

Martin Schulz: Was mir wichtig ist, Rowohlt Berlin, 192 Seiten 16,50 Euro

Er habe ja Profi beim 1. FC Köln werden wollen, doch sein Knie sei völlig im Eimer. "Ich mach so Powerwalking, joggen kann ich nicht mehr", sagt Schulz - eine Vorlage für die Moderatorin: "Wann dachten Sie: Hm, hätte das mal geklappt mit dem Fußball..." Schulz überlegt nicht lang: "Das war an Abenden von Wahlniederlagen."

Heiter geht es zu im Berliner Ensemble. Ein Höhepunkt in seinem Leben sei die Überreichung des Friedensnobelpreises für die Europäische Union in Oslo gewesen. Er habe damals gefragt, wo Willy Brandt gestanden sei, und habe dann den damaligen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso und den Präsidenten des EU-Rates, Herman Van Rompuy, "zur Seite geschoben". Schulz lacht. "Nee, ich hab sie gebeten: Könnt ihr mal ein Stück zur Seite gehen." Dann stand er auf Brandts Platz.

Im Theater funktionierten Schulz und sein Buch, er erreichte das Publikum mit launigen oder auch berührenden Antworten, mit seinem Wissen. Zweifelhaft, dass ihm das nur mit seinem bei Rowohlt erschienenen Werk gelingt. Schulz schreibt darin, wie toll der Euro sei, wie großartig die europäische Einheit und dass man dafür kämpfen müsse, dass die EU stark und handlungsfähig werde. Ja, ja, recht hat er, denkt man zustimmend. Erkenntnisse erhält man keine. "Wir müssen vermeiden, dass wir ein Land der überforderten Ballungszentren werden und wir den ländlichen Raum, die kleinen und mittleren Städte in ihrem Potenzial nicht richtig entwickeln", schreibt er. Dafür brauche man Investitionen in Infrastruktur und Bildung. Eine große Aufgabe. "Ich will diese Aufgabe anpacken. Weil es ein Thema ist, das mir selbst sehr am Herzen liegt. Und weil Menschen einfach eine Heimat brauchen." Lehrer sollten Respekt bekommen, Schulen saniert und modernisiert werden, Bildung müsse schon früh ansetzen. Ja, ja, denkt man wieder und nickt.

Buchladen und Kinderschutz

Konkret wird Schulz nicht - dabei wäre gerade das interessant. Ein Beispiel: Arbeitsministerin und Parteifreundin Andrea Nahles tritt für ein "persönliches Erwerbstätigenkonto" ein. Jeder 18-Jähriger soll ein Startguthaben von 20.000 Euro bekommen. Das Geld kann später für eine Weiter- oder Fortbildung, eine Unternehmensgründung, ein Sabbatical oder eine Pflege-Auszeit verwendet werden. Nahles sieht ein solches Konto als sinnvoller an als bedingungsloses Grundeinkommen. Ein diskussionswürdiges Modell, doch von Schulz liest man nur: "Die Menschen in Deutschland haben es verdient, dass wir alles dafür tun, ihnen auch in der Arbeitswelt von morgen eine gute Perspektive zu bieten."

Interessant sind die familiären und persönlichen Passagen, wenn Schulz etwa kurz von seinem Onkel erzählt, der Wehrmachtssoldat war, und von sich selbst, wie er als 16-Jähriger "in jeder freien Minute" die Hitler-Biografie von Joachim Fest gelesen habe. "Ich war wie besessen. Nichts interessierte mich mehr, als diesen Wahnsinn zu verstehen." Oder wenn er berichtet, wie er seinen Buchladen eröffnete. Zum Schluss liest man dann, dass der Autor die Einnahmen an den Deutschen Kinderschutzbund spendet. Kann man nun vom Erwerb abraten?





Schlagwörter

Sachbuch, Martin Schulz

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-12 16:57:06
Letzte nderung am 2017-09-12 17:15:12



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