• vom 16.09.2017, 09:30 Uhr

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Im Zeitalter der Identität




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie sieht die Gegenwart im Zeichen des Hybriden - und rechnet vollmundig-ironisch mit ihr ab.

Mästet die Wirklichkeit mit Fiktion, bis sich Buch und Welt nicht mehr trennen lassen: Salman Rushdie. - © Ullsteinbild - CARO/Markus Waechter

Mästet die Wirklichkeit mit Fiktion, bis sich Buch und Welt nicht mehr trennen lassen: Salman Rushdie. © Ullsteinbild - CARO/Markus Waechter

Irgendwer hat einmal behauptet, Salman Rushdie sei der berühmteste Schriftsteller der Welt. Gut möglich, kennen ihn seit der gegen ihn gerichteten Fatwa doch auch Nichtleser in aller Welt. Wie dem auch sei, ein Roman aus dem Hause Rushdie ist in jedem Fall ein Ereignis. Sein neuer, "Golden House", erscheint jetzt zeitgleich auf Englisch und Deutsch.

Darin liest er der Gegenwart gehörig die Leviten, mit allen Mitteln der Kunst, versteht sich. Es beginnt mit der Amtseinführung von Barack Obama und endet, als Donald Trump schon als 45. Präsident der Vereinigten Staaten hantiert. Der Hauptteil der Handlung spielt in New York, wo der Erzähler des Buches, René Unterlinden, als Professorensohn aufwächst und wo sich auch der indische Mafioso Nero Golden mit seinen drei Söhnen niederlässt. Wie Rushdie selbst stammen die Gol-dens aus Bombay, dem heutigen Mumbai. Ihr Wechsel in die Neue Welt ist mit dem Wunsch verbunden, im Ausland ein neuer Mensch zu werden, die Identität zu wechseln wie ein fadenscheinig gewordenes Hemd.

Verwandlungen, Zeiten des Übergangs, Metamorphosen, transitions bilden den Glutkern in Rushdies neuem Roman, der uns bescheinigt, im Zeitalter der Identität zu leben. Wer bin ich, und wer entscheidet darüber? Dabei belässt er es nicht bei den Verwandlungen, die Emigranten, Exilanten und Flüchtlinge in der neuen Heimat erfahren, sondern weitet das Thema auf Transgender-Diskurse, Drogenerfahrungen, Kunst und Kultur aus. So hadert der Jüngste der drei Söhne von Nero Golden mit



Information

Salman Rushdie

Golden House

Roman. Aus dem Englischen von Sabine Herting. C. Bertelsmann, Gütersloh 2017, 510 Seiten, 25,70 Euro.

seinem eigenen Geschlecht bzw. der Zugehörigkeit zu nur einem. Rushdie zieht das Thema in all seiner politischen Korrektheit durch den Kakao, aber eben nicht nur. Gleichzeitig blickt er auf die großen Mythen der Menschheitsgeschichte, in den hinduistischen Götterhimmel oder ins antike Griechenland, verknüpft dieses mit jenem und alles mit seiner Sicht auf die Welt.

Das Androgyne, Uneindeutige, Hybride erscheint dabei als Zeichen der Zeit, in der wir leben. Wobei sich auch der Roman selbst als ein solcher Hybrid entpuppt, paart Rushdie doch Gangstergeschichte und Familienroman, verbindet die Raffinessen von Hitchcock und Shakespeare, erzählt diverse Liebesgeschichten, mal zart, mal hart, und entlarvt die amerikanische Realpolitik als moderne Geistergeschichte. Rushdie-Leser kennen das, sein üppiges, spöttisches, ironisches Erzählen, das Länder, Textsorten, Bezugsrahmen, Haltungen mischt, bis sich Realität und Fantasie, Buch und Welt nicht mehr trennen lassen. Immer nach der Devise: bigger than life.

Nero Golden weist dabei so einige hässliche Ähnlichkeiten mit Donald Trump auf: das Protzige, die zu Barbie-hafte Ehefrau, das neureiche Feldherrengehabe. Doch auch der richtige Trump tritt in Erscheinung, bei Rushdie firmiert er in Anlehnung an den bösen Clown aus den Batman-Comics bzw. -Filmen als Joker, während Hillary Clinton als Batwoman daherkommt.

Der in New York lebende Rushdie rechnet also ab mit dem neuen Mann im Weißen Haus und mit einer Gegenwart, die weit schlimmer scheint, als man es sich ausdenken könnte. Dabei mästet er die Wirklichkeit mit Fiktion und unterfüttert jedes Hirngespinst mit Fakten. Es ist eine Art Weltenbrand, die er inszeniert, womit er dezidiert pessimistische Signale aus einer finsteren Welt sendet. Dabei schlägt er diesmal richtiggehend traurige Töne an, etwa wenn er darüber schreibt, wie die Schönheit des Wissens gerade in Misskredit gebracht wird. Nicht zufällig ist sein Ich-Erzähler ein Filmemacher, denn der ganze Roman lässt sich auch als riesige Liebeserklärung ans Kino lesen.

Auf beinahe jeder Seite finden sich Querverweise, Filmzitate, Cameoauftritte. Kein Wunder bei einem Sohn der filmverrückten Stadt Mumbai. Immer wieder schaltet sein Roman, der bei Licht betrachtet auch der Film ist, an dem der Erzähler René Unterlinden arbeitet, in den Drehbuchmodus. Kurz: Rushdies neuer Roman gleicht tollem Breitwandkino.

Alles zieht er auf die Megaebene, wo sich seine Exkurse als Exkursionen in aufregende Gegenden erweisen. Natürlich lotst er die Leser auch in seine Geburtsstadt Mumbai, zieht Linien von dort nach New York, bezieht sich einmal auf Kafka, dann auf Fritz Lang und integriert Gestalten wie Michael Jackson mit links in sein geschichtsträchtiges, gegenwartsgesättigtes und mit allen Genres jonglierendes Werk.

Rushdie ist ein manischer und ein genuiner Erzähler, gegen dessen vollmundige Sprachmacht sich die deutsche Übersetzung von Sabine Herting zuweilen blass und kleinlaut liest.

Seinen Erzähler René lässt Rushdie an einer Stelle sagen: "Mein bevorzugter Stil sollte etwas sein, das ich für mich Opernhaften Realismus nannte (. . .)". Opernhafter Realismus trifft es gut, wobei man bei Rushdie nie sicher sein kann, wo das Bühnenleben aufhört und die Wirklichkeit beginnt.

Die Tatsache, dass zwei so unterschiedliche Männer wie Barack Obama und Donald Trump nacheinander dasselbe Amt bekleiden, hätte sich schließlich nicht einmal Salman Rushdie ausdenken können. Oder anders gesagt: Gegen die real existierende Weltlage scheint Opernhafter Realismus nichts als die Wahrheit.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-15 15:48:08
Letzte nderung am 2017-09-15 16:09:39



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