• vom 17.09.2017, 13:00 Uhr

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Verloren im Kochtopf




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Von Jeannette Villachica

  • Mit dem Roman "Die Chefin" tischt Marie NDiaye die Geschichte einer Köchin auf.



Mit 19 fing er als Jungkoch bei der Chefin an, seitdem betete er die doppelt so alte Inhaberin des Sterne-Restaurants "La Bonne Heure" in Bordeaux an. Seine Liebe wurde nie erhört, und als Leser von Marie NDiayes neuem Roman "Die Chefin" weiß man nicht, ob man den namenlosen Erzähler deswegen bedauern soll. Denn diese Chefin - wie er sie durchgehend nennt - scheint eine wenig mitfühlende, vom Kochen abgesehen, unsinnliche und lebensunlustige Person zu sein. Der Erzähler sieht das natürlich anders. Wehmütig blickt er zurück: wie er sie heimlich beim Experimentieren beobachtete, ihr unspektakuläres Äußeres bewunderte, darüber staunte, dass sie mit Unlust aß und das Lob der Gäste beinahe ebenso hasste wie deren Kritik.

Information

Marie NDiaye

Die Chefin - Roman einer Köchin

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp, Berlin 2017, 332 Seiten, 22,70 Euro.

Es sind zwei einsame Geister, die nicht zusammenfinden. Der eine blind vor Liebe für eine Frau, die trotz der gemeinsamen Zeit, trotz aller Deutungsversuche ihrer spärlichen Worte und Gesten und trotz seiner Nachforschungen über ihr Leben, auch für ihn ungreifbar bleibt; die andere kontaktscheu, unempfänglich für die Liebe zwischen Mann und Frau und allein dem Kochen verfallen.

Ein simple Geschichte, die die Französin Marie NDiaye auftischt, raffiniert komponiert und doch fahl im Geschmack. Die Charaktere bleiben einem gleichgültig, das Schwelgen des älteren Herrn, der sich in einer altmodischen Sprache und mit häufigen Redundanzen in seinen Erinnerungen verliert, weitgehend unverständlich. Allein im letzten Drittel des Romans, als es zu einer überraschenden Wende kommt, streut die Autorin Pfeffer ins Geschehen.

Interessant ist, wie NDiaye mit Klischees spielt: Ihre Chefin kann kaum lesen und schreiben, hatte aber eine glückliche Kindheit und behält alle Rezepte im Gedächtnis. Sie hat sich das Kochen selbst beigebracht, ein steiniger Weg innerhalb einer Männerdomäne, aber sie ist keine Kämpferin, sondern hat einfach unbeirrbar weiter gekocht. Bis ihre erwachsene Tochter mit zeitgemäßen Marketingstrategien das gutgehende Restaurant der Mutter zu Tode vermarktete. Doch mehr als vom Glück des kreativen Schaffens, der Philosophie des Kochens und der Macht desjenigen, der Lust bereitet, erzählt NDiaye von Leidenschaft, die einsam macht.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-15 15:51:06
Letzte nderung am 2017-09-15 16:06:43



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